Schweigespirale

Die Theorie der Schweigespirale

Cover Schweigespirale

Erstausgabe der Schweigespirale (1980)

Große Resonanz weit über die Fachwelt hinaus fand Elisabeth Noelle-Neumann mit der Theorie der „Schweigespirale“.1)Elisabeth Noelle-Neumann: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut. Piper, Zürich/München 1980. Diese Theorie versucht, Meinungsumschwünge in der Gesellschaft, insbesondere bei moralisch-emotional aufgeladenen Streitfragen, sozialpsychologisch zu erklären. Vielleicht gerade weil Noelle-Neumanns Annahmen zur sozialen Natur des Menschen kontrovers sind und populären Idealvorstellungen des rational gesteuerten, autonomen Individuums zuwiderlaufen, zählt die Schweigespirale zu den am meisten zitierten und replizierten Theorien der Sozialwissenschaften.2)Wolfgang Donsbach: Die Schweigespirale. In: Christina Holtz-Bacha & Arnulf Kutsch (Hrsg.): Schlüsselwerke für die Kommunikationswissenschaft ...continue

Die Theorie der Schweigespirale lässt sich in folgende Kernaussagen zerlegen:3)Thomas Roessing: Öffentliche Meinung. In: Wolfgang Schweiger & Andreas Fahr (Hrsg.): Handbuch Medienwirkungsforschung (S. 481-494). Springer, ...continue4)Elisabeth Noelle-Neumann & Thomas Petersen: The spiral of silence and the social nature of man. In: L.L. Kaid (Hrsg.): Handbook of Political ...continue

  • Die meisten Menschen fürchten soziale Isolation.
  • Menschen beobachten daher ständig das Verhalten anderer, um einschätzen zu können, welche Meinungen und Verhaltensweisen in der Öffentlichkeit Zustimmung
oder Ablehnung finden.
  • Menschen üben Isolationsdruck auf andere aus, beispielsweise, indem sie den Mund verziehen oder sich abwenden, wenn jemand etwas sagt oder zeigt, das von der öffentlichen Meinung missbilligt wird.
  • Menschen neigen dazu, ihre eigene Meinung zu verschweigen, wenn sie denken, dass 
sie sich mit ihrer Meinung dem Isolationsdruck anderer aussetzen würden.
  • Diejenigen hingegen, die öffentliche Unterstützung spüren, neigen dazu, ihre Meinung laut und deutlich zu äußern.
  • Laute Meinungsäußerungen auf der einen und Schweigen auf der anderen Seite setzen den Schweigespiralprozess in Gang.
  • Dieser Prozess entzündet sich typischerweise an emotional aufgeladenen Themen.
  • Herrscht in einer Gesellschaft Konsens, ist es unwahrscheinlich, dass eine Schweigespirale in Gang kommt. Es sind üblicherweise kontroverse Themen, bei denen ein Schweigespiralprozess entsteht.
  • Die tatsächliche Stärke der Meinungslager muss nicht ausschlaggebend sein für ihr Gewicht in einem Schweigespiralprozess. Die Meinung einer Minderheit kann in der Öffentlichkeit als Mehrheit erscheinen, wenn ihre Anhänger nur selbstbewusst genug auftreten und ihre Meinung öffentlich mit Nachdruck vertreten.
  • Die Massenmedien können einen maßgeblichen Einfluss auf Prozesse der öffentlichen Meinung ausüben. Wenn die Medien wiederholt („kumulativ“) und übereinstimmend („konsonant“) ein Meinungslager unterstützen, hat es deutlich erhöhte Chancen, aus der Schweigespirale als Sieger hervorzugehen.
  • Isolationsfurcht und Isolationsdrohung sind unterschwellig wirksam, die meisten Menschen denken nicht bewusst darüber nach, inwieweit sie ihr Verhalten an der öffentlichen Meinung orientieren.
  • Öffentliche Meinung findet ihre Grenzen in Zeit und Raum. Soziale Kontrolle durch öffentliche Meinung gibt es immer und überall, wo Menschen in Gesellschaften zusammenleben. Was konkret von der öffentlichen Meinung gebilligt oder abgelehnt wird, ändert sich jedoch mit der Zeit und unterscheidet sich von Ort zu Ort.
  • Öffentliche Meinung stabilisiert und integriert die Gesellschaft, weil Konflikte durch Schweigespiralen zugunsten jeweils einer Auffassung beigelegt werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Integrationsfunktion der öffentlichen Meinung.
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1. Elisabeth Noelle-Neumann: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut. Piper, Zürich/München 1980.
2. Wolfgang Donsbach: Die Schweigespirale. In: Christina Holtz-Bacha & Arnulf Kutsch (Hrsg.): Schlüsselwerke für die Kommunikationswissenschaft (S. 336-339). Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2002.
3. Thomas Roessing: Öffentliche Meinung. In: Wolfgang Schweiger & Andreas Fahr (Hrsg.): Handbuch Medienwirkungsforschung (S. 481-494). Springer, Wiesbaden 2013.
4. Elisabeth Noelle-Neumann & Thomas Petersen: The spiral of silence and the social nature of man. In: L.L. Kaid (Hrsg.): Handbook of Political Communication (S. 339–356). Lawrence Erlbaum, London 2004.