München 1936-37

München: 1936-1937

Wintersemester 1936/37

Nach den zwei Semestern in Berlin und Königsberg setzte Elisabeth Noelle ihr Studium im Wintersemester 1936/37 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München fort. Zunächst wohnte sie in einem möblierten Zimmer, dann in einem kleinen Blockhaus in Obermenzing, das sie von einem Försterehepaar mietete.1)Briefe von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München 11. November 1936 und 16. Januar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Hauptgrund für ihren Wechsel an die Universität München war, dass dort ihr Freund Jörg Jensen Medizin studierte.2)Vgl. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 6. November 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Im Hauptfach studierte Elisabeth Noelle Zeitungswissenschaften bei Karl d’Ester, der 1924 Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität geworden war.3)Rudolf Stöber: Emil Dovifat, Karl d’Ester und Walter Hagemann: Die Wiederbegründung der Publizistik in Deutschland nach 1945. In: Wolfgang ...continue Daneben besuchte sie Lehrveranstaltungen in Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie, zum Beispiel gemeinsam mit ihrem Freund Jörg Jensen ein Seminar über Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“.4)Briefe von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 14. November und 5. Dezember 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. S. auch: ...continue Die Lehrveranstaltungen von d’Ester fand sie von Beginn an eher uninteressant.5)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 14. November 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Der zeitungswissenschaftliche ...continue Im Verlaufe ihres Studiums in München geriet sie über diese inhaltliche Distanz hinaus in einen offenen Konflikt mit d’Ester, vermutlich weil sie Kritik am zeitungswissenschaftlichen Fachschaftsleiter Gerhard Baumann geübt hatte, der ein fanatischer Nationalsozialist war.6)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Gegen Ende des Sommersemesters 1937 schrieb sie an ihre Mutter:7)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 1. Mai 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Der Krach mit meinem nie geliebten Münchner zeitungswissenschaftlichen Professor d’Ester reichte schon allein aus. Aber die Beschreibung von so viel Ärger würde mich auch noch am Sonnabend verfinstern, nachdem mich die Sache schon in der Woche über Gebühr erbost hat. Folgen – um Euch zu beruhigen, hat die Sache nicht. Höchstens die, dass ich nun ganz bestimmt nicht in München meinen Doktor mache.

Elisabeth Noelle mit ihrer Mutter am Walchensee bei München (1937)

Elisabeth Noelle mit ihrer Mutter am Walchensee bei München (1937)

Noch vor Beginn ihres Studiums in München hatte sich Elisabeth Noelle beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) um einen Studienplatz in den USA beworben.8)Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 1). Gebundenes, 93-seitiges Typoskript mit Photographien, 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, ...continue Da ihr klar geworden war, dass sie sich nur mit besonderen Leistungen für das DAAD-Stipendium würde qualifizieren können,9)Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen (S. 52). Herbig, München 2006. nahm sie während der beiden Semester in München ein großes Arbeitspensum auf sich: Allein im Wintersemester 1936/37 erwarb sie sieben Seminarscheine und verfasste im Rahmen des Reichsberufswettkampfes eine 120-seitige Arbeit über den „Kampf um die Weltanschauung im Leitartikel der Deutschen Allgemeinen Zeitung“.10)Brief von Elisabeth Noelle an Eva und Ernst Noelle, Obermenzing, 28. Januar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Im Rückblick auf das Wintersemester schrieb sie ihrer Mutter:11)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 5. Februar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Denn so wie in diesem Semester geht das auf die Dauer nicht: Für diesen Winter habe ich mir soviel Arbeiten vorgenommen, wie ich eben nur schaffen konnte, wenn ich nur und ausschließlich arbeitete. Das habe ich ja wirklich weitgehendst getan – mit dem Erfolg, dass ich unbedingt noch einmal in einem Winter nach München kommen muss, um den Fasching wirklich mitzumachen. Was lass ich mir alles entgehen! Fasching – und Skilaufen – und Spaziergänge im Englischen Garten! Ich habe nahezu Gewissensbisse mit umgekehrtem Vorzeichen: Denn ein Verhalten, das klug und lobenswert in einer langweiligen Stadt wäre, ist in München gar nicht sehr vernünftig.

Auch wenn sich Elisabeth Noelle im Wintersemester 1936/37 in ihre Arbeit vertiefte, entging ihr nicht, dass das Leben in München, der sogenannten Hauptstadt der Bewegung,12)„München – Hauptstadt der Bewegung“ lautete etwa auch der Schriftzug des damaligen Münchner Poststempels. S. Postkarte von Elisabeth Noelle ...continue vom Nationalsozialismus geprägt war. Den Auftakt zum Wintersemester bildete beispielsweise eine Rede von Bernhard Rust, Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, wie Elisabeth Noelle ihrer Mutter schilderte:13)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 6. November 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Morgen fallen die Vormittagsvorlesungen aus, weil Rust spricht. – Das Erscheinen dazu ist zwar für alle Studenten Pflicht, aber ich schenke mir das. Werde es schon früh genug in der Zeitung unter der knalligen Überschrift lesen: Studenten sollen mehr arbeiten!

Die Präsenz des Nationalsozialismus im öffentlichen Leben erfuhren Elisabeth Noelle und ihr Freund Jörg Jensen etwa bei einem Spaziergang durch die Münchner Innenstadt. Als sie die Feldherrnhalle besichtigten, fiel ihr auf einmal das merkwürdige Verhalten der Passanten auf:14)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 6. November 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Ganz erstaunt beobachtete ich von oben, dass unten in der Straße, die am Ehrenmal vorbei lief, Posten standen, und dass jeder Passant ungefähr fünfzig Meter mit zum Gruß erhobenen Arm vorbeiging. Wie gut, dass ich hier zum ersten Mal unter Führung herkam – ich hatte keine Ahnung von der Vorschrift und wäre womöglich als Grußverweigerin sogleich inhaftiert worden, wenn ich arglos vorbeigelaufen wäre. – Es soll übrigens eine ganz Menge Münchner geben, die das Grüßen auch nicht sehr schätzen. Für sie hat der Volksmund das Drückebergergässchen bestimmt, durch das man schnell vor dem Ehrenmal in eine andere Gasse herüberwechseln kann.

Pierre Grappin (Foto: Elisabeth Noelle, 1937)

Pierre Grappin (Foto: Elisabeth Noelle, 1937)

Gegen Ende des Wintersemesters nahm Pierre Grappin Kontakt mit Elisabeth Noelle auf, ein französischer Austauschstudent aus Lyon. Von Karl Heinz Bremer,15)Zu Karl Heinz Bremer, s. das Kapitel Studium/Königsberg. den Elisabeth Noelle als Privatdozenten in Königsberg kennengelernt hatte und der nun an der Sorbonne in Paris lehrte, hatte Grappin gleichsam einen „Empfehlungsbrief“ erhalten, mit dem er sich in ihrem Blockhaus in Obermenzing vorstellte.16)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 30. Januar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Rasch entwickelte sich zwischen den beiden eine enge, lebenslang währende Freundschaft. Während Elisabeth Noelle 1937/38 als Austauschstudentin die University of Missouri in Columbia in den USA besuchte, studierte Grappin an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und stand dort in Verbindung mit der Familie Noelle.17)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Columbia/Missouri, 28. Januar 1938. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges schloss er sich der Résistance um Jean Moulin an und konnte sich nach seiner Verhaftung nur durch die Flucht aus einem Gefangenenzug der Deportation in ein Konzentrationslager entziehen. Nach dem Krieg lehrte er als Germanistik-Professor an der Universität Nanterre in Paris und amtierte dort als Dekan der Faculté des Lettres. In dieser Funktion wurde er 1968 in die Studentenrevolte hineingezogen und zum Kontrahenten von Daniel Cohn-Bendit.18)S. die Autobiographie von Pierre Grappin: L’île aux peupliers – De la résistance à mai 68: Souvenirs du doyen de Nanterre. Presses ...continue Als Cohn-Bendit im Jahre 2014 die Ehrendoktorwürde der Universität Nanterre verliehen wurde, erinnerte er in seiner Dankesrede an die Auseinandersetzungen mit Grappin:19)Thibauld Malterre: 46 ans après mai 68, Daniel Cohn-Bendit obtient son doctorat à Nanterre. AFP, 11. Dezember 2014: „Visiblement très ému, il a ...continue

1968 sind hier bewundernswerte Dinge geschehen, aber auch Worte gefallen, die man heute bereuen muss. Im Feuer des Gefechts ist der damalige Dekan Pierre Grappin, ein ehemaliger Résistance-Kämpfer, als Nazi beschimpft worden. Ihn als Nazi zu beschimpfen, bedeutete, nicht zu wissen, was Nazis waren.

Frühlingssemesterferien 1937: Italienreise

Im Laufe des Wintersemesters erwähnte Elisabeth Noelle in Briefen an ihre Eltern den Wunsch, eine „kulturgeschichtliche Reise nach Italien“ zu unternehmen, zumal es von München aus gar nicht so weit sei:20)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 23. Januar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Inspiriert worden war ihr Wunsch wohl auch durch die Vorlesung „Führung durch die alte Pinakothek“ des Kunsthistorikers Hugo Kehrer, die Elisabeth im Wintersemester besuchte.21)Verzeichnis der belegten Vorlesungen des Studierenden Elisabeth Noelle, 26. November 1936, Universitätsarchiv München.

Das, wovon man in der alten Pinakothek nur noch ein ferne Ahnung empfängt: Das an seinem Ursprungsort aufsuchen – die Kultur der Renaissance an ihrem notwendigen Gegenpol in Italien kennenlernen, sie nacherleben, reisend mit einem kleinen Koffer und Burckhardts22)Jacob Burckhardt: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Schweighauser, Basel 1860. Buch darin.

Dank der Unterstützung ihrer Eltern konnte sich Elisabeth Noelle diesen Wunsch erfüllen.23)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 28. Januar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Ja – in bin wirklich in die ...continue Zusammen mit ihrem Bruder Ernst, der in Berlin gerade sein Abitur bestanden hatte, besuchte sie auf ihrer dreiwöchigen Italienreise ab Ende Februar 1937 unter anderem Mailand, Cremona, Pisa, Florenz, Rom, Neapel und Taormina auf Sizilien.24)Familienchronik von Eva Noelle, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Sommersemester 1937

Einführung

Das Sommersemester 1937 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München nimmt im Studium von Elisabeth Noelle eine besondere Stellung ein. Denn sie engagierte sich in dessen Verlauf in der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen (ANSt) als Zellenleiterin, während sie zuvor nur sporadisch an Veranstaltungen der ANSt und ihres Dachverbandes, des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB), teilgenommen hatte.25)Zur ANSt als Unterorganisation des NSDStB, s.: Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 276ff.). Schöningh, Paderborn 1995. Ihr Mitwirken in der ANSt führte in diesem Semester unter anderem dazu, dass sie Gauleiter Adolf Wagner und Reichskanzler Adolf Hitler persönlich begegnete. Weil ihre eigenen politischen Vorstellungen jedoch von der offiziellen Linie der Nationalsozialisten abwichen, geriet sie zur selben Zeit wiederholt in Konflikte mit nationalsozialistischen Funktionsträgern.

Während des Sommersemesters 1936 in Königsberg hatte Elisabeth Noelle teilweise erfolgreich versucht, sich obligatorischen Arbeitsdiensteinsätzen im Rahmen der ANSt zu entziehen,26)Brief von Elisabeth Noelle an Fred von Hoerschelmann, Königsberg, 2. Mai 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Aber dann geht es ja ...continue aber immerhin zwei Stunden pro Woche Schreibdienst für die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) geleistet.27)Brief von Elisabeth Noelle an Fred von Hoerschelmann, Königsberg, 2. Mai 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. In der ANSt war sie zunächst negativ aufgefallen, da sie den Hitlergruß nicht verwendet hatte.28)Brief von Elisabeth Noelle an Fred von Hoerschelmann, Königsberg, 2. Mai 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Das [mein Ansehen] war ...continue Offenbar unter dem Einfluss des Romanisten Karl Heinz Bremer, mit dem sie sich angefreundet hatte, begann Elisabeth Noelle, sich eingehender mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.29)Vgl. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Königsberg, 15. Mai 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Sie besuchte auch ein Wochenendlager des NSDStB, von dessen jungem Leiter sie sich sehr beeindruckt zeigte.30)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Königsberg, 10. Mai 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Nichtsdestotrotz wurde sie noch gegen Ende des Semesters als politische Außenseiterin wahrgenommen, etwa im von Franz Alfred Six geleiteten zeitungswissenschaftlichen Seminar, wo man ihr „oberflächlichen Berliner Liberalismus“ vorhielt, da sie die politisch-pädagogische Funktion des Journalismus nicht ernst genug nehme.31)Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Königsberg, 3. Juli 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „… mein Plädoyer für das ...continue

Dass Elisabeth Noelle in Königsberg Ansichten geäußert hatte, die der offiziellen Linie des Nationalsozialismus widersprachen, hatte in München ein doppeltes Nachspiel. Zum einen war in Königsberg auf ihrem Personalbogen des Studentenbundes vermerkt worden, sie solle auf keinen Fall in Aktivitäten der ANSt einbezogen werden – diese Anmerkung war in München jedoch zunächst übersehen worden und hatte daher keine Folgen.32)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Nur so ist z.B. eine kleine ...continue Zum andern wurde ihre Arbeit über den „Kampf um die Weltanschauung im Leitartikel der Deutschen Allgemeinen Zeitung“, die sie an der Universität München im Rahmen einer Gruppenarbeit für den Reichsberufswettkampf verfasst hatte, von ihrem früheren Königsberger Dozenten Franz Alfred Six mit der schlechtesten Note bewertet. Bei dieser Bewertung dürfte der persönliche Eindruck eine Rolle gespielt haben, den er sich in Königsberg von Elisabeth Noelle gemacht hatte.

Reichsberufswettkampf

Die Gruppenarbeit, die Elisabeth Noelle zusammen mit drei anderen Studenten im Rahmen des Reichsberufswettkampfs vorlegte, trug den Titel „Der Kampf um die Weltanschauung im Leitartikel einiger führender deutscher Tageszeitungen“.33)S. dazu: Lutz Hachmeister: Der Gegnerforscher: Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six (S. 84). C.H. Beck, München 1991. Franz Alfred Six bewertete sowohl die Gruppenarbeit als auch die vier Einzelbeiträge34)In seiner zurückgezogenen Biographie (2013, S. 81) führt Jörg Becker fälschlicherweise aus, es seien nur drei Studenten an der Gruppenarbeit ...continue mit dem schlechtesten Prädikat „unbrauchbar“. In seinem Gutachten führte er aus, die Arbeiten seien in ihrer Fragestellung „politisch und wissenschaftlich verfehlt“ und „daher für unsere heutigen politischen Belange unwesentlich und unverwertbar“.35)In seiner zurückgezogenen Biographie (2013, S. 80ff.) erwähnt Jörg Becker nicht, dass Franz Alfred Six sowohl die Gruppenarbeit wie auch die ...continue Zu Elisabeth Noelles Arbeit merkte er an:

Auch Elisabeth Noelle erreicht in ihrer Bearbeitung der DAZ keine politisch oder wissenschaftlich produktive Fragestellung, sondern bleibt in der Kommentierung des durch die Leitartikel gebotenen politischen Materials stecken, die sie allerdings mit studentinnenhafter Gründlichkeit vornimmt. Hierbei ist sie allerdings eine kleine Reaktionärin, die den der DAZ aus ihrer Tradition noch anhaftenden Charakter der Auffassung des großdeutschen Problems im Bismarck’schen Sinne einschließlich der Verteidigung des Protestantismus mutig mit Nationalsozialismus identifiziert.

In einem Zweitgutachten bewertete Professor Hans Hermann Adler36)In seiner zurückgezogenen Biographie (2013, S. 80) behauptet Jörg Becker fälschlicherweise, das Zweitgutachten sei von „unbekannter Seite“ ...continue die Gruppenarbeit zunächst als „wertvoll“, schloss sich dann allerdings der Bewertung von Six an.37)Auf Adlers Bewertungsbogen findet sich oben rechts der handschriftliche Vermerk: „gültig ‚unbrauchbar’“. Zu Elisabeth Noelles Einzelbeitrag merkte Adler an, er sei „glänzend geschrieben, aber in [seiner] Grundhaltung unwissenschaftlich, weil einseitig und ohne Distanz“, und lese sich „fast wie Propaganda für die DAZ und ihren Hauptschriftleiter [Karl Silex]“. Tatsächlich zählte die DAZ zu Elisabeth Noelles bevorzugten Zeitungen,38)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Februar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Sie [die Leitartikel] haben der ...continue und Karl Silex gehörte zu ihren journalistischen Vorbildern.39)Vgl. Elisabeth Noelle: Die Erinnerungen (S. 82). Herbig, München 2006; s. auch: Karl Silex: Mit Kommentar. Lebensbericht eines Journalisten (S. ...continue Möglicherweise schickte sie ihm eine Kopie ihrer Arbeit40)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Februar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „… und schließlich ...continue und bahnte dieser erste Kontakt das Volontariat an, das sie 1940 nach Abschluss ihrer Dissertation bei der DAZ in Berlin absolvieren konnte.41)Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen (S. 94). Herbig, München 2006.

ANSt-Schulungslager, Begegnung mit Gauleiter Wagner und Zellenleitung

Wie bereits erwähnt, war der Vermerk auf Elisabeth Noelles ANSt-Personalbogen in Königsberg, sie solle „nicht berufen“ werden,42)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. in München während längerer Zeit übersehen worden. Daher schien ihrer Ernennung zur Zellenleiterin im Frühjahr 1937 nichts entgegenzustehen. Hintergrund der Ernennung dürfte gewesen sein, dass sich die ANSt damals im Übergang von einer freiwilligen Eliteorganisation zu einer Massenorganisation mit quasi-obligatorischer Mitgliedschaft befand.43)Zum Expansionskurs der ANSt, s.: Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 348ff.). Schöningh, Paderborn 1995. Infolge stark gestiegener Mitgliedschaftszahlen war auch ein großer Bedarf an neuen Mitarbeiterinnen entstanden.44)Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 280, 356). Schöningh, Paderborn 1995.

Im Zuge ihrer Ernennung zur Zellenleiterin nahm Elisabeth Noelle Anfang April 1937 an einem zehntätigen Schulungslager der ANSt in Wolfratshausen teil, das von rund zwanzig Studentinnen besucht wurde.45)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Wolfratshausen, 9. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Was den Inhalt der „Schulung“46)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 17. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Muss ich noch berichten, ob und ...continue anbelangte, so erwähnte sie Referate über „Volksgesundheit“47)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 17. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Eine Frauenschaftsreferentin ...continue und als allgemeines Thema die „Erhaltung des Friedens zur kulturellen Aufbauarbeit“.48)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 17. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Das Niveau der Referate empfand Elisabeth Noelle als eher tief,49)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „… dann war ich auch oft ...continue und sie kritisierte in den Briefen an ihre Familie auch, dass das Lager zu lang dauere50)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Wolfratshausen, 9. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. und zu wenig Diskussionen stattfänden.51)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Wolfratshausen, 9. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Natürlich bin ich ein wenig ...continue

Als krönender Abschluss des Lagers war ein Besuch des Bayerischen Kultusministers und Gauleiters Adolf Wagner vorgesehen.52)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 17. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Während die meisten Teilnehmerinnen des Lagers von Wagner hell begeistert waren,53)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Die kreischende Mädchenschar, ...continue schilderte Elisabeth Noelle in einem ausführlichen Brief an ihre Familie den „niederdrückenden Nachmittag mit dem Gauleiter“:54)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Ja, also: Da stand die Mädchenschar wie eine Herde zusammengedrängt und starrte dem Gauleiter entgegen. Der ging mit sicheren Schritten auf uns zu, die blauen Augen im roten, ein wenig gedunsenen Gesicht bedeutungsvoll aufgerissen, mit sehr tiefer – ein paar Sachverständige behaupteten später: versoffener – Stimme begrüßte er zunächst unsere Führerin und schritt dann – in guter Hitlerimitation – die Reihe der Mädchen ab: Reichte jeder die Hand, blickte sie fest und prüfend an, um sie dann mit einer Handbewegung zur Seite zu schieben, sozusagen, zu dem erledigten Haufen.

Im Gespräch mit den Studentinnen begann Wagner bald darauf, über die Wissenschaft herzuziehen, die nichts leiste und dazu noch „unverschämt eingebildet“ sei:55)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Was wäre heute mit unserer Wirtschaft, wenn die Wissenschaftler sie gemacht hätten?! (…) Worüber arbeiten sie bloß? Über allem andern, nur nicht über dem, was uns gerade interessiert! Überschütten mit Ideen sollten sie uns – jeden Tag ein neuer Vorschlag! Eine neue Verbesserung! Arbeiten sollten sie, dass ihnen die Köpfe rauchen! Ja – wer hat denn die Ideen? Wir! Anstatt dass uns die Wissenschaftler überfallen, müssen wir sie überfallen. Und wenn man ihnen dann nicht auch noch die Pistole auf die Brust setzt und sagt: Entweder Sie schaffen das in einem Jahr – oder Sie sind einen Kopf kürzer: Dann geht es auch nicht vorwärts.

Nachdem die Studentinnen das Thema der akademischen Nachwuchsförderung angesprochen hatten, kam es zu einem ersten Wortwechsel zwischen Adolf Wagner und Elisabeth Noelle:56)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Die Frage des ungenügenden Nachwuchses wurde aufgeworfen. „Na, kann man es denn unsern Jungens übelnehmen, wenn sie alle Soldaten werden wollen! Richtig ist das! Hin sollen sie! Ist doch das schönste, was es für einen Jungen gibt!“ (…) „Warum gehen denn die Jungens zum Heer?“ rief der Gauleiter aus. „Weil eben das Heer auf einen gesunden und tüchtigen Jungen die größte Anziehungskraft ausübt. Soll sich die Universität eben auch anstrengen und auch Anziehungskraft ausüben – das ist ihre – Eure Sache! Es ist ja doch kein Wunder, wenn heute alle Jungens lieber zum Heer wollen!“ – „Nein“ – sagte ich – „es ist kein Wunder, denn es ist ja auch viel einfacher!“ Da richtete sich der Gauleiter voller Entrüstung auf: „Einfacher! – Einfacher? Mädel, hast Du Ansichten! Hast Du Ansichten! Ansichten!!!“ Empört starrte ich ihn an – ich glaube, ihr könnt Euch das wunderbar vorstellen! Aber schließlich – ich hatte mich auch selten so im Recht gefühlt!

Als Wagner seine Kritik an den „Sünden der Gebildeten“ fortsetzte, widersprach ihm Elisabeth Noelle erneut:57)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Der Gauleiter sprach laut und – hielt er seine Worte für bedeutungsvoll, so sprach er langsamer, „rang“ mit den Worten und richtete seinen blauen Blick über uns hinweg in die Ferne. Unterbrechungen duldete er nur ungern.(…) Von den Professoren und Dozenten meinte er ganz radikal, wir könnten sie alle rauswerfen und würden trotzdem nicht weniger lernen: „Ich habe auch studiert, aber gelernt hab ich auf der Universität nichts: Wenn ich damit im Beruf meinen Mann hätte stehen sollen, da wäre es mir schlecht gegangen! In der Praxis lernt man! Das Leben ist der beste Lehrmeister.“ „Die armen Kranken!“ warf ich, nun schon mehrmals unangenehm aufgefallen, ein. „Ja“, griff der Gauleiter, nachdem sich der Lachsturm gelegt hatte, den Satz auf: „Die armen Kranken! Soll ich Ihnen mal erzählen, was ich für Erfahrung mit den Ärzten gemacht habe!“ Und dann kommt irgendeine Geschichte, bei der ihm ein Arzt empfohlen habe, Vitamin A, und der andere, Vitamin B zu nehmen. Nun, da zeige es sich doch, dass sie mit ihrer guten „Grundlage“ von der Universität nicht einmal untereinander einig seien.

Blockhaus Obermenzing 1937

Blockhaus in Obermenzing, wo Elisabeth Noelle 1937 wohnte

Elisabeth Noelle fühlte sich von Gauleiter Wagners „Hass und Bildungsfeindschaft“ wie auch von seinem verächtlichen Verhalten Frauen gegenüber geradezu angewidert.58)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Ganz abgesehen von seiner ...continue Dennoch freute sie sich nach dem Schulungslager auf die studentische Arbeit im Rahmen der ANSt.59)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Der Einsatzpunkt zu sofortiger ...continue An den Zellenabenden, die sie im Sommersemester 1937 in ihrem Blockhaus in Obermenzing abhielt, nahmen zwölf Studentinnen teil.60)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 22. Mai 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Das erste Treffen fand am 29. April statt 61)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 1. Mai 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna., der Abschlussabend am 24. Juni 62)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 24. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna., dazwischen fiel der Zellenabend wegen Feiertagen oder Kundgebungen des Studentenbundes mehrfach aus.63)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 22. Mai 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Leider fällt mein Zellenabend ...continue Zu ihrer Arbeit merkte sie in einem Brief an ihre Mutter an: „Meine Zelle macht mir Spaß. Meine Arbeit hat Hand und Fuß, mein Bemühen ist, die Mädchen zu täglichem Zeitungslesen zu erziehen.“64)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 22. Mai 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Woche für Woche wurde je eine wichtige deutsche Zeitung charakterisiert, wobei zur Interpretation des Nationalsozialismus auch Adolf Hitlers „Mein Kampf“ und das Parteiprogramm herangezogen wurden.65)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 22. Mai 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Zur politischen Schulung in der ANST, ...continue

ANSt-Ausflug auf den Obersalzberg und Begegnung mit Adolf Hitler

Ende des Sommersemesters wurde von der Gauleiterin der ANSt ein Ausflug auf den Obersalzberg geplant, den Elisabeth Noelle in einem ausführlichen Brief an ihren Bruder Dieter in allen Einzelheiten schilderte.66)Brief von Elisabeth Noelle an Dieter Noelle, Obermenzing, 15. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Die Beschreibung des Besuches ...continue Eine Gruppe von rund zwanzig ANSt-Leiterinnen reiste am Samstag, den 12. Juni in einem alten Beamtenomnibus dorthin – Elisabeth Noelle traf allerdings erst am Sonntag ein, da sie am Vorabend an einem Fest des einzigen Cowboy-Klubs in Deutschland teilgenommen hatte.67)Brief von Elisabeth Noelle an Dieter Noelle, Obermenzing, 15. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Ich allerdings briet mir einmal ...continue Inmitten unzähliger Ausflügler wartete die ANSt-Gruppe ab, ob an einem der beiden Eingänge zum Gelände um den Berghof Besucher eingelassen würden, was in sporadischen Abständen jeweils für wenige Minuten der Fall war. Als sich eine der Schranken öffnete, gelang es der Gruppe zusammen mit vielen anderen Besuchern, Einlass zu bekommen. Unter Anleitung der SS-Wachen wurde ein langer Zug formiert, der sich in Richtung Berghof in Bewegung setzte. Wie sich die Gruppe dem Berghof näherte, kam Hitler gerade mit seinem Gefolge die Treppe herunter. Als Hitler die ANSt-Gruppe sah, erkundigte er sich bei seinem Chefadjutanten Wilhelm Brückner, wer das sei, und als dieser nicht gleich antwortete, fragte er ihn, ob er die jungen Frauen zum Kaffee einladen könne, was dieser nach kurzem Zögern bejahte.68)In seiner zurückgezogenen Biographie (2013, S. 14ff.) spekuliert Jörg Becker auf mehreren Seiten, die Studentinnengruppe müsse von Adolf Hitler ...continue

Daraufhin stiegen sie zur Terrasse hinauf, nahmen an mehreren Tischen Platz, wo ihnen Kaffee und Kuchen serviert wurde, und unterhielten sich während etwas mehr als einer Stunde mit Hitler. Von der Terrasse aus war Österreich zu sehen, und indem Hitler seinen Blick dorthin schweifen ließ, meinte er zu den Studentinnen:69)Brief von Elisabeth Noelle an Dieter Noelle, Obermenzing, 15. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Ich habe schon manchmal gesagt, ich komme mir hier vor wie Moses, der ins gelobte Land hereinschaut – – .

Im weiteren Verlauf des Gesprächs ging es um Autorennen, die Leistungen der deutschen Industrie und die Weltausstellung in Paris. Vom dortigen Deutschen Haus zeigte sich Hitler überaus begeistert:70)Brief von Elisabeth Noelle an Dieter Noelle, Obermenzing, 15. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

„Das soll ja keine Messe sein! Wir haben also auch nur ganz wenig ausgestellt, aber darum auch nur Spitzenleistungen! Leistungen, die einzig in der Welt dastehn! Leistungen unserer Automobilindustrie, unserer optischen Industrie – handgreifliche Erzeugnisse unserer deutschen Arbeit. Wozu sollten wir Propaganda machen in Paris? Haben wir es nötig, für den Nationalsozialismus in Frankreich Propaganda zu machen? Im Gegensatz dazu aber haben die Russen ihren Pavillon vor allem mit Papier vollgestopft: Statistiken, Photographien, Thesen – und dazu ein Auto, ein so komisches Auto, dass es regelrecht wie eine Karikatur anmutet. Dazwischen mit Sicheln fuchtelnde Gestalten.–“ Plötzlich wird Hitler ganz ernsthaft: „Allerdings haben sie gute Bilder ausgestellt. Richtige gute Bilder, keine Spur mehr von Bolschewismus – nein – reine echte Kunst.“

Ihren persönlichen Eindruck von Hitler beschrieb Elisabeth Noelle mit den folgenden Worten:71)Brief von Elisabeth Noelle an Dieter Noelle, Obermenzing, 15. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Das Mystische, das eine kurze Begegnung mit Hitler an sich zu haben pflegt (z.B. ein Händedruck, ein Blick) dieses fast Magische, das selbst Ausländer und Feinde in seinen Bann zieht – das wird einem bei längerem Zusammensein mit dem Führer nicht bewusst. Ich schrieb Dir schon: er wird ganz menschlich, sitzt er so nah bei einem. Wie groß tatsächlich doch die ganze Kraft ist, die von ihm ausgeht und einen vollkommen erfüllt, das bemerkt man erst hinterher, wenn man wieder in der alltäglichen Welt steht, spürt, wie man in dieser anscheinend so ruhig verlaufenen Stunde von irgendetwas, einem Glück und einer Kraft angefüllt worden ist, ohne es bemerkt zu haben.

Jahrzehnte später schrieb Elisabeth Noelle im Rückblick auf die Begegnung mit Hitler auf dem Obersalzberg.72)Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen (S. 55). Herbig, München 2006.

Es gab keine Warnung, kein für mich erkennbares Zeichen, dass ich einem Mann gegenüberstand, der im Begriff war, Deutschland und die halbe Welt ins Unglück zu stoßen. (…) Er wirkte angenehm, umgänglich, vertrauenerweckend. Man kann den Aufstieg Hitlers, die Geschichte des Dritten Reiches und die Treue von Hitlers Gefolgschaft bis zum Ende nicht verstehen, wenn man diese Doppelgesichtigkeit des Diktators ausblendet, diese verführerische Mischung aus scheinbar Gutem mit Bösem. Es sind genau die Eigenschaften, die man in der Literatur auch dem Teufel zuschreibt. Er wirkt eben nicht dadurch, dass er offensichtlich böse ist, sondern dadurch, dass sich das Böse mit angenehmen Seiten verbindet und auf diese Weise einschleicht.73)Einen ähnlichen Eindruck von Hitler beschrieben auch andere Zeitgenossen. S. dazu: Volker Ullrich: Adolf Hitler. Biographie. Band 1: Die Jahre des ...continue

Konflikt mit Fachschaftsleiter Baumann

Bereits im Wintersemester 1936/37 berichtete Elisabeth Noelle in Briefen an ihre Eltern von Konflikten nicht nur mit Professor Karl d’Ester, sondern auch mit Gerhard Baumann, dem Leiter der zeitungswissenschaftlichen Fachschaft, der ihr mangelnde Mitarbeit vorhalte. Dazu merkte sie an:74)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 19. Dezember 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Tatsächlich isoliere ich mich augenblicklich mit meiner fast ununterbrochenen Arbeit, wenn ich auch nichts über deren Erfolg sagen kann. Aber das ist auch gleichgültig. Gegen diese Meinung der anderen kann ich nicht an und muss trotzdem meinen Weg ganz unverändert weitergehen – es bleibt mir keine Wahl. Das ist es: das Bewusstsein der Isoliertheit und dem Wissen, dass der Weg festgelegt ist.

Baumann war ein überzeugter Nationalsozialist und verfügte über einflussreiche Fürsprecher.75)Maximilian Schreiber: Walther Wüst. Dekan und Rektor der Universität München 1935-1945 (S. 141). Herbert Utz Verlag, München 2008. Bereits als Jugendlicher war er in verschiedenen NS-Organisationen aktiv gewesen. Während seines Studiums in München engagierte er sich in der Gaustudentenführung, wo er als Amtsleiter für die Bereiche Wissenschaft, Presse und Propaganda zuständig war. Außerdem war er ab 1936 als Vertrauensmann des Sicherheitsdienstes (SD) der SS tätig. 1937 legte er eine Arbeit über die „Neugestaltung der deutschen Presse nach nationalsozialistischen Gesichtspunkten“ vor, mit der er bei d’Ester promovierte, und 1938 übernahm er die Leitung der Hauptstelle Presse und Propaganda in der Reichsdozentenführung.76)Biographische Angaben zu Gerhard Baumann finden sich bei: Bettina Maoro: Die Zeitungswissenschaft in Westfalen 1914-45 (S. 403). Saur, München 1987; ...continue

Nachdem Elisabeth Noelle in einer Aussprache mit d’Ester Kritik an Baumanns Arbeit als Fachschaftsleiter geübt hatte, lancierte dieser eine gegen sie gerichtete Kampagne, mit der er bezweckte, ihren Austauschstudienplatz in den USA zu widerrufen:77)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

In den letzten Wochen habe ich eine heftige Intrige gegen meinen Austausch nach Amerika überstanden. (…) Vom Tage an setzte Baumann, – so heißt jener Fachschaftsleiter, von dem mich schon von Anfang an eine wohlbegründete Antipathie trennte – alle Stellen und Mittel seiner Machtstellung in Bewegung, um meinen Austausch nach Amerika rückgängig zu machen. Bei den verschiedensten Gelegenheiten wurde ich von da an von „wohlmeinenden“ Bekannten darauf aufmerksam gemacht, dass Baumann gegen mich arbeitete. Wildfremde Leute sprachen mich darauf hin an. Selbst bei Tanzfesten wurden mir neue Eröffnungen mitgeteilt. (…) Ich wusste, womit er agierte: Weltanschaulich unzuverlässig – Staatsfeindliche Literatenclique – und, um seinem Wühlen praktische Wirksamkeit zu verleihen, hatte er auch gleich einen Ersatz für mich bei der Hand. Er stellte auch Ultimaten: „Wenn Frau Noelle nicht in den Ferien in den Landdienst geht, bekommt sie keinen Auslandsurlaub!“

Mit der „staatsfeindlichen Literatenclique“ muss Baumann Elisabeth Noelles Freundes- und Bekanntenkreis gemeint haben, zu dem vor allem Jörg Jensen und Pierre Grappin gehörten, aber auch zwei Amerikaner, ein Schwede und ein Schweizer, mit denen sie sich regelmäßig im Internationalen Studentenclub traf.78)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 8. Mai 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

In zwei anderen Fällen war es Baumann bereits gelungen, Austauschstudienplätze zu widerrufen,79)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Und schließlich bin ich nicht der ...continue seine Kampagne gegen Elisabeth Noelle jedoch führte nicht zum von ihm erhofften Erfolg. Dies war wohl auf mehrere Umstände zurückzuführen: Erstens war Baumann offenbar äußerst ungeschickt vorgegangen,80)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Ein paar Tage später erzählte ...continue zweitens wurde er Anfang Juni 1937 zum Leiter der Hauptstelle Presse und Propaganda in der Reichsdozentenführung befördert,81)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Dann wurde er zum ersten Juni ...continue und drittens hatte Elisabeth Noelle bereits am 17. Mai 1937 eine offizielle Einladung der University of Missouri in Columbia erhalten,82)Schreiben von Leslie Cowan, Secretary of the Board of Curators, University of Missouri, Columbia, an Elisabeth Noelle, Columbia/Missouri, 17. Mai ...continue die durch eine Entscheidung in Deutschland nicht einfach widerrufen werden konnte.83)Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen (S. 52-53). Herbig, München 2006.

Politische Vorstellungen

Dass Elisabeth Noelle sich einerseits in der ANSt als Zellenleiterin engagierte, andererseits aber vom Dozenten Franz Alfred Six sowie vom Fachschaftsleiter Gerhard Baumann als „weltanschaulich unzuverlässig“ und sogar „staatsfeindlich“ taxiert wurde, wirkt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch. Erklären lässt sich dies damit, dass sie damals – als 20-jährige Studentin – unter dem Titel „Nationalsozialismus“ politische Vorstellungen entwickelte, die deutlich von der offiziellen Parteilinie abwichen. Nimmt man ihre in privaten Briefen enthaltenen politischen Aussagen zusammen, so lassen sich ihre Vorstellungen folgendermaßen umreißen:84)Briefe von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April und 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

  • Die damals herrschende Form des Nationalsozialismus lehnte sie als „anti-geistig“, „streng männlich“ und „soldatisch“ ab.
  • Allerdings glaubte sie, dass sich durch „Weiterentwicklung“ von nationalsozialistischen Ideen eine Alternative zu Kapitalismus und Kommunismus eröffnen könnte – eine Variante der häufig anzutreffenden Dritte-Weg-Vorstellung.
  • Diese „notwendige Weiterentwicklung“ nationalsozialistischer Ideen müsse, so ihre Überzeugung, von der Jugend ausgehen, insbesondere von Studenten und Facharbeitern. Wenn sich die Weiterentwicklung nicht auf friedlichem Wege vollziehen könne, müsse das damals herrschende Regime unter Umständen in einer gewaltsamen „Revolution“ gestürzt werden.
  • Auch Adolf Hitler, so glaubte sie damals, könne mit dem herrschenden Regime nicht zufrieden sein und werde eine Weiterentwicklung im eben beschriebenen Sinne unterstützen.
  • Was die nationale Komponente der NS-Ideologie anbelangte, so ging Elisabeth Noelle nicht von einer Überlegenheit der deutschen Kultur oder gar Rasse aus. Sie drückte in ihren Briefen vielmehr Hochachtung vor anderen Nationen wie etwa Frankreich aus und befürwortete eine friedliche Koexistenz der Völker.
  • Was die sozialistische Komponente der NS-Ideologie anbelangte, so stand Elisabeth Noelle in ihren Auffassungen linkssozialistischen Positionen nahe, wie sie manche ihrer Freunde, etwa Pierre Grappin, vertraten.
  • Eines ihrer zentralen Anliegen war die Gleichberechtigung der Frauen. Wie sie selber wiederholt zu spüren bekam,85)S. dazu etwa: Brief von Elisabeth Noelle an Eva und Ernst Noelle, Columbia/Missouri, 13. Mai 1938. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: ...continue war die Gleichberechtigung der Frauen im Nationalsozialismus jedoch nicht vorgesehen.86)S. dazu: Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 280ff.; 350). Schöningh, Paderborn 1995.

Beitritt zur Studentenkampfhilfe

Nach Abschluss ihres Studiums in München trat Elisabeth Noelle im Sommer 1937 der Nationalsozialistischen Studentenkampfhilfe bei, der Vereinigung ehemaliger Studenten, die später den Namen „Altherrenbund“ annahm.87)S. dazu: Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 321). Schöningh, Paderborn 1995. Auf dem Beitrittsformular beantwortete sie die Frage, ob sie zu ehrenamtlicher Tätigkeit für die Studentenkampfhilfe bereit sei, mit „nein“, es handelte sich mithin um eine bloße Passivmitgliedschaft.88)In seiner zurückgezogenen Biographie (2013, S. 155) unterschlägt Jörg Becker diesen Aspekt. Im Vergleich zu ihren Altersgenossen nimmt sich Elisabeth Noelles Beteiligung an nationalsozialistischen Jugendorganisationen eher bescheiden aus: Dem Bund Deutscher Mädel (BDM) war sie trotz Pressionen seitens der Lehrerschaft nicht beigetreten, und ihre Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen (ANSt), einer Unterorganisation des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB), bestand nur während gut dreier Semester.89)Im Anschluss an Richard Albrecht haben Kritiker (z.B. Leo Bogart, 1992 und Jörg Becker, 2013, S. 156) Elisabeth Noelle-Neumann immer wieder ...continue Der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) trat sie später nicht bei.

Sommersemesterferien: Weltausstellung in Paris, DAAD-Lager in Neustrelitz

Ende Juni 1937 nahm Elisabeth Noelle an einer zehntägigen Reise nach Paris teil, die vom Internationalen Studentenklub in München organisiert worden war.90)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 18. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Die Reisegruppe umfasste rund 80 Studenten, die auf verschiedene Hotels verteilt wurden.91)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 18. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. In Paris unternahm Elisabeth Noelle einige Ausflüge mit ihrer Reisegruppe, die meiste Zeit jedoch verbrachte sie mit ihrem Freund Jörg Jensen und Pierre Grappin, der sie durch die Stadt führte:92)Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Vom Auslandsklub waren unsere ...continue

Wir waren ihm in München gute deutsche Freunde gewesen, nun erstattete er seinen Dank, indem er uns in Paris ständig mit Rat beiseite stand und uns in kleine Kirchen, abgelegene und sonderbare Viertel oder versteckte, in Kellern eingerichtete Studentenkaffees führte, die wir allein nie im Leben hätten finden können.

Zusammen mit Pierre Grappin besuchte Elisabeth Noelle auch den Germanistik-Dozenten Karl Heinz Bremer93)Zu Karl Heinz Bremer, s. das Kapitel Studium/Königsberg. in seinem Büro an der Ecole Normale Supérieure, an der Grappin ebenfalls studiert hatte.94)Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

In einem ausführlichen, bebilderten Brief an ihren Vater, der ein Jahr lang in Paris studiert hatte, schilderte Elisabeth Noelle ihre Impressionen der Stadt, in denen sich ästhetische und soziologische Aspekte in interessanter Weise verbanden. Den ersten Eindruck ihres kleinen Hotels beschrieb sie beispielsweise wie folgt:95)Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Denn unser kleines Hotel besaß etwas derartiges (Hotelschild) gar nicht; und es brauchte auch keine Reklame, es war immer bis unter das Dach besetzt, meist von Studenten, die die winzigen Hotelzimmerchen im fünften Stock einem Mietzimmer unter der Herrschaft einer katzigen Wirtin vorzogen und es dankbar begrüßten, dass sie hier nicht etwa als Bewohner unter dem Dach hochmütig und verächtlich behandelt wurden – (wie das in Deutschland so leicht der Fall ist!) – sondern dass sogar – ein Symbol! – der vornehme, dicke Treppenläufer bis zu ihnen heraufführte. Das war für mich die erste Beobachtung, an der ich verstand, wie die Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in Paris, wo sie geboren wurde, verwirklicht wird.

Sogar im Straßenverkehr sah sie die Prinzipien der Französischen Revolution aufscheinen:96)Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Auch hier ist es der Fußgänger, dem man die größte Aufmerksamkeit und Rücksicht zollt, Polizist und Autos arbeiten Hand in Hand, um ihm zu helfen. Es scheint mir, als präge sich auch in solcher Rangordnung Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aus, indem sie materielle Differenzen durch Verlegen des moralischen Rechtes auf den schwächeren Teil ausgleicht.

Beeindruckt zeigte sich Elisabeth Noelle auch von der omnipräsenten Kultur des Zeitungslesens in der französischen Hauptstadt. Dazu merkte sie an:97)Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Zeitungskiosk in Paris (Foto: Elisabeth Noelle, 1937)

Zeitungskiosk in Paris (Foto: Elisabeth Noelle, 1937)

Fast jeder Metrofahrer liest Zeitung, morgens verschiedene, abends vollkommen einheitlich „Paris Soir“, „Ce Soir“. Schon bei der Beobachtung dieses Zeitungskonsums in der Metro, ganz abgesehen von dem Lesesaalbild, das die meisten Cafes machen, kann man verstehen, dass die tägliche Zeitungsauflage für Paris, einer Viermillionenstadt, 6’700’000 beträgt, während die ganz übrige Provinz nur 4’000’000 konsumiert. (So jedenfalls waren die Zahlen im Haus der Presse auf der Weltausstellung angegeben).

Meist von Pierre Grappin und manchmal von Karl Heinz Bremer begleitet, besichtigten Elisabeth Noelle und Jörg Jensen nicht nur die Sehenswürdigkeiten entlang der Champs-Elysées, sondern erkundeten auch mehrere Quartiere, etwa Les Halles, Montmartre und das Quartier Latin, und unternahmen überdies einen Ausflug zum Schloss Versailles.98)Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. In ihren Besuchen von Einrichtungen und Veranstaltungen spiegelt sich ein außergewöhnlich breitgefächertes Interesse an Kultur. So nahmen sie an einem Gottesdienst in der Kathedrale Notre-Dame teil, besuchten an einem Abend das Theater Alcazar (heute: Théâtre le Palace) und an einem weiteren Abend die Comédie Française, wo zwei Stücke von Molière und Racine aufgeführt wurden. Am Wochenende fuhren sie – vermutlich auf Initiative von Pierre Grappin hin, der den Sozialisten nahestand – nach Saint-Cloud zur Fête champêtre et populaire, die von einem Komitee zur Befreiung Ernst Thälmanns organisiert worden war. Und mehrfach besuchten sie den Louvre sowie Sonderausstellungen zu El Greco und Vincent Van Gogh.99)Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Place de la Concorde während der Weltausstellung (Foto: Elisabeth Noelle, 1937)

Place de la Concorde während der Weltausstellung (Foto: Elisabeth Noelle, 1937)

Hauptattraktion in Paris war in diesem Jahr jedoch die Weltausstellung, die Elisabeth Noelle und ihre Begleiter an mehreren Tagen besuchten. Ihre Tour der Pavillons der Nationen begannen sie beim Palais du Trocadéro, wo sie den jüdischen Pavillon Palästinas besichtigten. Im Brief an ihren Vater erwähnte Elisabeth Noelle siebzehn weitere Pavillons, die sie sich zusammen mit ihren Freunden angesehen hatte.100)Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Ausdrücklich erwähnt werden die ...continue Am Samstag, den 3. Juli, bekamen Elisabeth Noelle und ihre Begleiter mit, wie oben auf dem deutschen Haus ein Empfang für Leni Riefenstahl ausgerichtet wurde, während sie unten an der Seine ein Feuerwerk betrachteten.101)Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Oben auf dem deutschen Haus hielt ...continue

Anfang Juli 1937 kehrte Elisabeth Noelle nach München zurück, wo sie ihr Blockhaus in Obermenzing räumte, um am Ende des Monats zurück zu ihren Eltern nach Berlin zu ziehen. In Gedanken aber war sie noch immer in Paris:102)Brief von Elisabeth Noelle an Eva und Gisela Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Allerdings habe ich auch noch vier Filme abgeknipst, die werden also die lebendigsten Zeugen dafür sein, dass ich in Paris war. Aber auch ohne das: wie unvergesslich ist diese Stadt! Ich gestehe ganz offen, dass ich von einer ziemlich heftigen Liebe zu ihr überfallen worden bin.

Im Laufe ihres Lebens reiste Elisabeth Noelle immer wieder nach Paris, auch um ihre Freunde Rosemarie Coutzarida und Pierre Grappin zu besuchen, die nach dem Krieg dort lebten. Auf die Frage, welches in ihren Augen die schönste Stadt der Welt sei, antwortete Elisabeth Noelle noch im hohen Alter: „Wahrscheinlich Paris.“103)Persönliche Auskunft, 19. September 2005.

Von Berlin aus fuhr Elisabeth Noelle Mitte August 1937 zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Freund Jörg Jensen für einige Tage nach Kölpinsee auf der Insel Usedom, wo sie bereits als Kind und Jugendliche wiederholt die Ferien verbracht hatte.

Ende August 1937 versammelte der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) die vor der Abreise ins Ausland stehenden Studenten für eine Woche in einem Lager in Neustrelitz. Den Studenten wurde unter anderem vermittelt, sie „repräsentier[t]en das neue Deutschland, seinen Geist und seine Haltung durch erhöhte Leistung und vorbildliches Verhalten“ und sollten „keine Propagandisten, sondern Repräsentanten der nationalsozialistischen Idee“ sein.104)Das diesjährige Lager der deutschen Austauschstudenten und -lehrer in Neustrelitz. In: Geist der Zeit, 1937, 10, S. 777. Die Studenten wurden dazu ermuntert, die Kenntnis anderer Länder während ihres Aufenthaltes wie nach ihrer Rückkehr „im Sinne einer Verständigung zwischen den Völkern auszuwerten“ – „nur auf gegenseitiger Kenntnis der Völker und ihrer Hochachtung voreinander“ könne „eine wahre Verständigung sich aufbauen“.105)Das diesjährige Lager der deutschen Austauschstudenten und -lehrer in Neustrelitz. In: Geist der Zeit, 1937, 10, S. 777.

Wie aus der Korrespondenz von Elisabeth Noelle hervorgeht, nahm sie lediglich die ersten drei Tage an dem Lager in Neustrelitz teil.106)Brief von Elisabeth Noelle an Herbert Sonthoff, Columbia/Missouri, 4. Dezember 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Im übrigen brachte ...continue Zu den politischen Belehrungen und Ermahnungen, die den Studenten im Lager erteilt wurden, merkte sie in einem Brief, den sie drei Monate später von den USA aus schrieb, an:107)Brief von Elisabeth Noelle an Herbert Sonthoff, Columbia/Missouri, 4. Dezember 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Was die Standardmeinung des Lagers anbetrifft, so können sie keinen Menschen in einer Woche wesentlich beeinflussen. (…) An unsere „Sendung“ glaube ich überhaupt nicht. Ich habe meine Aufgabe für mich, aber ich glaube nicht, dass die Austauschstudenten hier wesentliches für Deutschland ausrichten können. Da wären selbst mächtigere Kräfte ohnmächtig!

Elisabeth Noelle in Kölpinsee 1937

Elisabeth Noelle in Kölpinsee 1937

In Neustrelitz lernte Elisabeth Noelle Erwin Wickert108)Zu Erwin Wickert, s.: Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes & Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten ...continue kennen,109)Brief von Elisabeth Noelle an Herbert Sonthoff, Columbia/Missouri, 4. Dezember 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Im übrigen brachte ...continue den Vater des bekannten Fernsehjournalisten Ulrich Wickert. Erwin Wickert war ein Jahr zuvor selber Austauschstudent in den USA gewesen und wirkte an der Schulung der neuen Austauschstudenten in Neustrelitz mit. Mit Wickert, der als Diplomat und Schriftsteller tätig war, tauschte sich Elisabeth Noelle auch in späteren Jahren immer wieder einmal aus.110)Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen (S. 55-56). Herbig, München 2006.

Am 2. September schließlich fuhr Elisabeth Noelle mit dem Dampfer „Hamburg“ in Richtung Amerika ab, wo sie ein Jahr lang an der School of Journalism der University of Missouri in Columbia studierte. Noch vor ihrer Abreise in die USA schrieb sie an den fünfzehn Jahre älteren Schriftsteller Fred von Hoerschelmann, mit dem sie seit 1932 befreundet war:111)Brief von Elisabeth Noelle an Fred von Hoerschelmann, Obermenzing, undatiert [1937]. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Willst Du Dich auch auf die Wanderschaft begeben? Bist Du auch begierig wie ich, das Leben in all seinen Formen zu erfahren? Damit ständen wir ja beide vor dem gleichen Beginn und wären plötzlich wieder gleichaltrig!

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1. Briefe von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München 11. November 1936 und 16. Januar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
2. Vgl. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 6. November 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
3. Rudolf Stöber: Emil Dovifat, Karl d’Ester und Walter Hagemann: Die Wiederbegründung der Publizistik in Deutschland nach 1945. In: Wolfgang Duchkowitsch, Fritz Hausjell & Bernd Semrad (Hrsg.): Die Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeitungswissenschaft (S. 123-144). LIT Verlag, Wien 2004.
4. Briefe von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 14. November und 5. Dezember 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. S. auch: Verzeichnisse der belegten Vorlesungen des Studierenden Elisabeth Noelle, 26. November 1936 und 29. April 1937, Universitätsarchiv München.
5. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 14. November 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Der zeitungswissenschaftliche Professor von München ist mäßig. Seine Vorlesung habe ich entschieden besser vor drei Semestern im Sommer bei Dovifat gehört.“
6, 42, 77. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
7, 61. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 1. Mai 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
8. Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 1). Gebundenes, 93-seitiges Typoskript mit Photographien, 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
9. Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen (S. 52). Herbig, München 2006.
10. Brief von Elisabeth Noelle an Eva und Ernst Noelle, Obermenzing, 28. Januar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
11. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 5. Februar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
12. „München – Hauptstadt der Bewegung“ lautete etwa auch der Schriftzug des damaligen Münchner Poststempels. S. Postkarte von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 23. November 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
13, 14. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 6. November 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
15, 93. Zu Karl Heinz Bremer, s. das Kapitel Studium/Königsberg.
16. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 30. Januar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
17. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Columbia/Missouri, 28. Januar 1938. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
18. S. die Autobiographie von Pierre Grappin: L’île aux peupliers – De la résistance à mai 68: Souvenirs du doyen de Nanterre. Presses Universitaires de Nancy, Nancy 1993.
19. Thibauld Malterre: 46 ans après mai 68, Daniel Cohn-Bendit obtient son doctorat à Nanterre. AFP, 11. Dezember 2014: „Visiblement très ému, il a ensuite rendu hommage à Pierre Grappin, doyen de la faculté de lettres de Nanterre en mai 1968, qui avait été traité de nazi par les étudiants révoltés. „En 68, il y a eu des choses admirables ici même, mais aussi des paroles qu’il faut regretter. Dans le feu de l’action, le doyen de l’époque, Pierre Grappin, ancien résistant, a été traité de nazi. Le traiter de nazi, c’était ne pas savoir ce qu’étaient les nazis“, a-t-il affirmé, la voix tremblante.“
20. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 23. Januar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
21. Verzeichnis der belegten Vorlesungen des Studierenden Elisabeth Noelle, 26. November 1936, Universitätsarchiv München.
22. Jacob Burckhardt: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Schweighauser, Basel 1860.
23. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 28. Januar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Ja – in bin wirklich in die Luft gesprungen nach Deinem Satz im Brief, Mum – ! Ich bin wirklich im Zimmer herumgetanzt, strahlend, glücklich – ich habe erst dann lachend weiter gelesen: „Nun musst Du erst einmal einen Freudentanz aufführen, nicht wahr?“ Ach – es ist herrlich und tausend Aussichten eröffnen sich mir – immer von neuem fällt mir ein, was ich nun alles sehen werde, wieviel Träume sich erfüllen werden, wieviel Namen nun mit Leben gefüllt werden! Immer wieder denke ich: Wie schön – wie wunderbar, dass die Italienpläne plötzlich Wirklichkeit werden wollen.“
24. Familienchronik von Eva Noelle, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
25. Zur ANSt als Unterorganisation des NSDStB, s.: Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 276ff.). Schöningh, Paderborn 1995.
26. Brief von Elisabeth Noelle an Fred von Hoerschelmann, Königsberg, 2. Mai 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Aber dann geht es ja weiter – ich entdecke jetzt erst die wahren Annehmlichkeiten des „freien Studenten“. Wenn man nur will und das nötige dicke Fell hat – ist man es nämlich noch immer – man braucht nur die zahlreichen Anschläge einfach nicht zu finden, die einen zum Dienst rufen sollen.“ Zu den verschiedenen Aktivitäten der Studentinnen in der ANSt, s.: Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 283f.). Schöningh, Paderborn 1995.
27. Brief von Elisabeth Noelle an Fred von Hoerschelmann, Königsberg, 2. Mai 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
28. Brief von Elisabeth Noelle an Fred von Hoerschelmann, Königsberg, 2. Mai 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Das [mein Ansehen] war nämlich zuerst sehr geschwächt – als ich nach Beendigung des ersten Kameradschaftsabends „Guten Abend – und Aufwiedersehen -“ sagte. Erst nachher fiel mir mit lähmendem Entsetzen mein furchtbarer Faux pas ein – und nun gewöhne ich mich langsam an das stereotype „Heil Hitler“.“
29. Vgl. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Königsberg, 15. Mai 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
30. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Königsberg, 10. Mai 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
31. Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Königsberg, 3. Juli 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „… mein Plädoyer für das Unterhaltungsbedürfnis der Leser, für das ganz arglose, jeder erzieherischen Arbeit ferne – wird nur allzu leicht als oberflächlicher Berliner Liberalismus ausgelegt. Ich habe mich hier so manchmal hart verteidigen müssen, es ist mancher Staub aufgewirbelt, in einem Moment, in dem ich selbst nicht die nötige innere Sicherheit hatte. Nach außen hin hat man das wohl nicht gemerkt – aber es hat mich in meiner Arbeit sehr gehindert. Die nötige Unbefangenheit, die man zum Schreiben braucht, habe ich noch nicht; und sie zu gewinnen, tragen diese Diskussionen und die oft boshaft gefärbte Kritik auch nicht bei.“
32. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Nur so ist z.B. eine kleine Bemerkung auf meinem Personalbogen des Studentenbundes zu verstehen, die in Königsberg geschrieben wurde und in München übersehen wurde, bis irgendein Junge sie fand und unsere Hochschulreferentin darauf aufmerksam machte: „Auf keinen Fall zu berufen!“ Ohne Angabe eines Grundes, einfach so.“
33. S. dazu: Lutz Hachmeister: Der Gegnerforscher: Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six (S. 84). C.H. Beck, München 1991.
34. In seiner zurückgezogenen Biographie (2013, S. 81) führt Jörg Becker fälschlicherweise aus, es seien nur drei Studenten an der Gruppenarbeit beteiligt gewesen, und schreibt den Namen eines Studenten falsch.
35. In seiner zurückgezogenen Biographie (2013, S. 80ff.) erwähnt Jörg Becker nicht, dass Franz Alfred Six sowohl die Gruppenarbeit wie auch die Einzelarbeiten als politisch verfehlt und für die damaligen politischen Belange unbrauchbar bewertete.
36. In seiner zurückgezogenen Biographie (2013, S. 80) behauptet Jörg Becker fälschlicherweise, das Zweitgutachten sei von „unbekannter Seite“ verfasst worden. Zu Hans Hermann Adler, s. Wolfgang U. Eckart, Volker Sellin & Eike Wolgast (Hrsg.): Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus (S. 569ff.). Springer, Heidelberg 2006.
37. Auf Adlers Bewertungsbogen findet sich oben rechts der handschriftliche Vermerk: „gültig ‚unbrauchbar’“.
38. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Februar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Sie [die Leitartikel] haben der DAZ eine getreue Leserin erobert – denn das werde ich nach dieser Arbeit sein!“
39. Vgl. Elisabeth Noelle: Die Erinnerungen (S. 82). Herbig, München 2006; s. auch: Karl Silex: Mit Kommentar. Lebensbericht eines Journalisten (S. 150f.). Fischer, Frankfurt a.M. 1968.
40. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Februar 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „… und schließlich schicke ich sie [die Arbeit] vielleicht dem Hauptschriftleiter der DAZ zu, um zu hören, was er dazu meint.“
41. Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen (S. 94). Herbig, München 2006.
43. Zum Expansionskurs der ANSt, s.: Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 348ff.). Schöningh, Paderborn 1995.
44. Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 280, 356). Schöningh, Paderborn 1995.
45, 50. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Wolfratshausen, 9. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
46. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 17. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Muss ich noch berichten, ob und wie wir „geschult“ worden sind?“
47. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 17. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Eine Frauenschaftsreferentin ergänzte nun noch unsere praktische Erfahrung durch die Darlegung, wie die Frauenschaft versucht, den Ausfall an Nahrungsmitteln, der durch unsere Devisenlage verursacht wird, durch neuartige und gesündere Zubereitung wieder wettzumachen und dafür zu sorgen, dass anstatt einer Gesundheitsschädigung durch Mangel im Gegenteil eine gründliche Reform der Ernährungsgewohnheiten durchgeführt wird.“
48, 52. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 17. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
49. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „… dann war ich auch oft ärgerlich über unausgefüllte Tage oder Referate, deren Niveau auf kleine Amtsträger oder Arbeitsfrontmänner zugeschnitten war…“
51. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Wolfratshausen, 9. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Natürlich bin ich ein wenig unglücklich über die mangelnde „Diskussion“ – wie das eben nun bei Gruppen von Mädchen zu sein pflegt.“
53. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Die kreischende Mädchenschar, die sich bei der Abfahrt des Gauleiters draußen zum Spalier aufgestellt hatte…“
54, 55, 56, 57. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
58. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Ganz abgesehen von seiner widerlichen Angewohnheit, die Hand einer Studentin zu tätscheln, die ihm ernsthaft widersprach, und so die Auseinandersetzung ins Läppische zu ziehen – oder auch das servierende Mädchen in den Oberarm zu kneifen!“
59. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Der Einsatzpunkt zu sofortiger praktischer Verwertung ist uns in unserer studentischen Arbeit gegeben – mir persönlich in meiner Zellenführung, wo ich an einem winzigen Posten arbeiten kann.“
60, 64. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 22. Mai 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
62. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 24. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
63. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 22. Mai 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Leider fällt mein Zellenabend allzu oft aus wegen Feiertagen oder Kundgebungen des Studentenbundes, an denen wir alle zusammen teilnehmen müssen.“
65. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 22. Mai 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Zur politischen Schulung in der ANST, s. Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 348ff.). Schöningh, Paderborn 1995. Nach Grüttner beschränkte sich die politische Schulung in der ANSt im wesentlichen auf das Referieren und Diskutieren von Zeitungsartikeln. Insgesamt sei der „politische Gehalt der ANSt-Arbeit letztlich relativ gering“ gewesen (S. 350) und es habe ein „allgemeiner Prozess der Entpolitisierung“ beobachtet werden können (S. 352).
66. Brief von Elisabeth Noelle an Dieter Noelle, Obermenzing, 15. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Die Beschreibung des Besuches stützt sich in der Folge auf diesen Brief.
67. Brief von Elisabeth Noelle an Dieter Noelle, Obermenzing, 15. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Ich allerdings briet mir einmal wieder eine Extrawurst, da ich am Sonnabend zum Lagerfeuer des einzigen Cowboy-Klubs Deutschlands eingeladen war – und fuhr erst am Sonntag in aller Frühe hinterher.“
68. In seiner zurückgezogenen Biographie (2013, S. 14ff.) spekuliert Jörg Becker auf mehreren Seiten, die Studentinnengruppe müsse von Adolf Hitler zum voraus als „Belohnung für irgendeine politisch genehme Handlung“ eingeladen worden sein. Beckers Darstellung ist jedoch nachweislich falsch, da aus Elisabeth Noelles Berichten eindeutig hervorgeht, dass ihre Gruppe – wie andere Besucher auch – zufällig Einlass gefunden hatte und dann von Hitler spontan zum Tee eingeladen worden war.
69, 70, 71. Brief von Elisabeth Noelle an Dieter Noelle, Obermenzing, 15. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
72. Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen (S. 55). Herbig, München 2006.
73. Einen ähnlichen Eindruck von Hitler beschrieben auch andere Zeitgenossen. S. dazu: Volker Ullrich: Adolf Hitler. Biographie. Band 1: Die Jahre des Aufstiegs 1889-1939 (S. 421ff.). Fischer, Frankfurt 2013.
74. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 19. Dezember 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
75. Maximilian Schreiber: Walther Wüst. Dekan und Rektor der Universität München 1935-1945 (S. 141). Herbert Utz Verlag, München 2008.
76. Biographische Angaben zu Gerhard Baumann finden sich bei: Bettina Maoro: Die Zeitungswissenschaft in Westfalen 1914-45 (S. 403). Saur, München 1987; Maximilian Schreiber: Walther Wüst. Dekan und Rektor der Universität München 1935-1945 (S. 141-142). Herbert Utz Verlag, München 2008.
78. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 8. Mai 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
79. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Und schließlich bin ich nicht der erste, sondern der dritte Fall, in dem er einen Austausch sabotiert. Der Unterschied ist nur der, dass es ihm bei den beiden andern Zeitungswissenschaftlerinnen, die ich kenne und von denen die eine nach Frankreich, die andere nach Wien wollte, tatsächlich geglückt ist, ihren Austausch zu vereiteln.“
80. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Ein paar Tage später erzählte mir jemand, dass Baumann sich jegliche Chance – durchzudringen – die er an sich durch seine große Machtstellung gehabt hätte, verscherzt hätte, durch sein lärmendes und großspuriges Auftreten sowohl im Außenamt wie beim Leiter des Austauschdienstes.“
81. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Dann wurde er zum ersten Juni „befördert“, zum Leiter des Hauptamtes für Fachschaft und Wissenschaftserziehung.“
82. Schreiben von Leslie Cowan, Secretary of the Board of Curators, University of Missouri, Columbia, an Elisabeth Noelle, Columbia/Missouri, 17. Mai 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. René König behauptete in einem Gespräch mit Michael Neumann und Gerhard Schäfer (Jahrbuch für Soziologiegeschichte, 1990, S. 237) fälschlicherweise, Elisabeth Noelle-Neumann sei mit einem „Stipendium von der Deutschen Forschungsgemeinschaft“ nach Amerika gereist und habe – entgegen ihrer eigenen Darstellung – gar nicht von den Amerikanern eingeladen werden können, da sie dort nicht bekannt gewesen sei.
83. Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen (S. 52-53). Herbig, München 2006.
84. Briefe von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 19. April und 19. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
85. S. dazu etwa: Brief von Elisabeth Noelle an Eva und Ernst Noelle, Columbia/Missouri, 13. Mai 1938. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „… fortwährende aufreizende Haltung [der deutschen Studenten] gegenüber Studentinnen (…) diese Haltung der unbegründeten Überlegenheit, der betonten männlichen Qualitäten des Kartenlesens, des Essens, zu Zeiten, da sie hungrig sind, der Pünktlichkeit – und manches andere. Das unangenehmste aber bleibt die Anmaßung, dass Studentinnen im Wagen sind, um fortwährend Brote zu streichen, um Hosen und Strümpfe zu waschen und zu flicken, und zur Zeit des schönsten Sonnenunterganges Abendbrot zu kochen und einen Tisch zu decken.“
86. S. dazu: Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 280ff.; 350). Schöningh, Paderborn 1995.
87. S. dazu: Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 321). Schöningh, Paderborn 1995.
88. In seiner zurückgezogenen Biographie (2013, S. 155) unterschlägt Jörg Becker diesen Aspekt.
89. Im Anschluss an Richard Albrecht haben Kritiker (z.B. Leo Bogart, 1992 und Jörg Becker, 2013, S. 156) Elisabeth Noelle-Neumann immer wieder vorgehalten, sie habe ihre Mitgliedschaften in NS-Studentenorganisationen nach dem Krieg heruntergespielt, indem sie lediglich eine einzige erwähnt habe. Diese Darstellung ist allerdings falsch, denn Elisabeth Noelle gab bereits in der Zeit des Nationalsozialismus in Formularen nur eine einzige Mitgliedschaft an, da die ANSt und die Studentenkampfhilfe Unterorganisationen des NSDStB waren, s. etwa: Phil. Fak. 915, Promotionen, S. 60, Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin.
90, 91. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Obermenzing, 18. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
92. Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Vom Auslandsklub waren unsere Pläne verhältnismäßig unabhängig (…) Sonst gingen wir drei zusammen: Jörg, ich und als unschätzbarer Begleiter: Pierre.“
94, 95, 96, 97, 98, 99. Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
100. Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Ausdrücklich erwähnt werden die Pavillons Ägyptens, Dänemarks, Deutschlands, Englands, der französischen Kolonien, Hawaiis, Italiens, Japans, Jugoslawiens, der Niederlande, Norwegens, Österreichs, Polens, Russlands, des Vatikans, sowie das Haus der Presse und das der französischen Weine.
101. Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Oben auf dem deutschen Haus hielt Leni Riefenstahl Gesellschaft ab. Unten an der Seine saßen wir und sahen diesmal nicht nur Beleuchtung, sondern auch tolles Feuerwerk, das den Eiffelturm umknatterte.“
102. Brief von Elisabeth Noelle an Eva und Gisela Noelle, Obermenzing, 9. Juli 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
103. Persönliche Auskunft, 19. September 2005.
104, 105. Das diesjährige Lager der deutschen Austauschstudenten und -lehrer in Neustrelitz. In: Geist der Zeit, 1937, 10, S. 777.
106. Brief von Elisabeth Noelle an Herbert Sonthoff, Columbia/Missouri, 4. Dezember 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Im übrigen brachte ich nur die ersten drei Tage dort zu und traf gerade noch Erwin Wickert.“ Herbert Sonthoff, den Elisabeth Noelle bereits vor ihrem Austauschstudienjahr in den USA kennengelernt hatte, musste 1939 als politischer Dissident aus Deutschland fliehen. S. Katherine Bucknell & Nicholas Jenkins (Hrsg.): In solitude, for company: W.H. Auden after 1940. Unpublished prose and recent criticism (S. 94). Clarendon, Oxford 1995.
107. Brief von Elisabeth Noelle an Herbert Sonthoff, Columbia/Missouri, 4. Dezember 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
108. Zu Erwin Wickert, s.: Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes & Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik (S. 702ff.). Blessing, München 2010; Webseite der Erwin-Wickert-Stiftung.
109. Brief von Elisabeth Noelle an Herbert Sonthoff, Columbia/Missouri, 4. Dezember 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Im übrigen brachte ich nur die ersten drei Tage dort zu und traf gerade noch Erwin Wickert.“
110. Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen (S. 55-56). Herbig, München 2006.
111. Brief von Elisabeth Noelle an Fred von Hoerschelmann, Obermenzing, undatiert [1937]. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.