Berlin 1935-36

Berlin: 1935-1936

Atelier Breuhaus

Ein Jahr vor Elisabeth Noelles Abitur kündigte der Direktor des von ihr besuchten städtischen Oberlyzeums in Göttingen an, dass in Zukunft nur noch Schülerinnen, die Mitglied der NS-Jugendorganisation Bund Deutscher Mädel (BDM) seien, Hochschulzugang erhielten.1)Brief von Elisabeth Noelle an ihre Familie, Göttingen, 3. März 1934, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Und Hochschulreife nur für ...continue Möglicherweise weil Elisabeth Noelle trotz dieses Druckmittels dem BDM nicht beigetreten war oder weil sie den Arbeitsdienst noch nicht absolviert hatte,2)Zum obligatorischen Arbeitsdienst für Studierende, s.: Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 227f.). Schöningh, Paderborn 1995. wurde ihr im Frühjahr 1935 ein Studienplatz an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin verweigert.3)Elisabeth Noelle: Die Erinnerungen (S. 42). Herbig, München 2006. In vergleichbarer Weise wurde Franz Josef Strauß ebenfalls im Jahre 1935 die ...continue Daraufhin belegte sie im Sommersemester 1935 Kurse in Zeichnen und Malen an der privaten Kunstakademie Atelier Breuhaus in Berlin.4)Phil. Fak. 915, Promotionen, S. 59, Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin.

Tuschzeichnung von Elisabeth Noelle (1935)

Tuschzeichnung von Elisabeth Noelle (1935)

 

Semesterferien: Frauenarbeitsdienst

Im Sommer 1935 wurde Elisabeth Noelle zum Frauenarbeitsdienst einberufen, den sie vom 16. Juli bis zum 23. Oktober in Scharnhorst im Landkreis Lauenburg in Hinterpommern absolvierte.5)Familienchronik von Eva Noelle, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Seit Ostern 1934 mussten alle Studierenden einen halbjährigen Arbeitsdienst absolvieren, der mangels verfügbarer Arbeitsstellen zeitweise auf 13 Wochen verkürzt wurde.6)Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 227f.). Schöningh, Paderborn 1995. Nach der Ankunft in Scharnhorst schrieb sie ihrer Mutter erleichtert, dass es im Lager glücklicherweise nicht sehr militärisch zugehe:7)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Scharnhorst, undatiert (Juli 1935), Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Siehe auch: Brief von ...continue

Der Betrieb ist gar nicht nationalsozialistisch, die Kluft trägt man nur bei der Arbeit aus praktischen Erwägungen und ohne Zwang – keine dummen, übertriebenen Reden werden gehalten – es gibt kein Marschieren und kein Kommandieren – wichtig ist nur die Arbeit und die Kameradschaft.

Allerdings war die Arbeitslast von Beginn an sehr hoch, wie sie in weiteren Briefen schilderte:8)Briefe von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Scharnhorst, 24. Juli und 8. September 1935, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Kartoffelernte in Scharnhorst (Foto: Elisabeth Noelle, 1936)

Kartoffelernte in Scharnhorst (Foto: Elisabeth Noelle, 1935)

Die Arbeit dieser letzten Tage war so maßlos anstrengend, dass man nach ihrer Beendigung nah am Umfallen war. Ich habe Roggen gebunden, Stunden um Stunden, ohne Pause: Mein Siedler ist gerad einer, der am meisten verlangt und die Städter ohne Dankbarkeit ausnützt, weswegen man ihm auch schon eine Zeit lang die Hilfe entzogen hat. (…) Und dann kam Regen – dauernder Regen – mit Tropfen, groß wie Spatzeneier, aber die Arbeit ging weiter – weiter an der Pumpe waschen, mit nassen Füßen – weiter 8 Körbe Kartoffeln = 2 Stunden sammeln – Du kniest im Schlamm, wirst nass bis auf die Haut – wo Du mit der Hacke hinschlägst, bildet sich ein See – und Deine Füße scheinen abzufrieren.

In Scharnhorst lernte Elisabeth Noelle Imogen Seger kennen, die zu einer ihrer engsten Freundinnen wurde und mit der sie zeitlebens verbunden blieb.9)Die erste Begegnung im Frauenarbeitsdienst wird erwähnt in: Brief von Elisabeth Noelle an Imogen Seger, Berlin, 24. Februar 1936, Privatarchiv ...continue Seger, Tochter des Schriftleiters Fritz Seger und der Pianistin Marianne Heinemann, arbeitete während des Zweiten Weltkrieges als Journalistin für die „Brüsseler Zeitung“. Nach dem Krieg veröffentlichte sie unter anderem in der von Alfred Andersch und Hans Werner Richter begründeten Zeitschrift „Der Ruf“, arbeitete für den Bayerischen Rundfunk und eine Zeit lang am Institut für Demoskopie Allensbach, für das sie auch später nebenberuflich tätig war. Im Jahre 1953 nahm sie im Alter von 37 Jahren das Studium der Soziologie an der Columbia University in New York auf, wo sie 1961 mit einer empirischen Untersuchung zu großstädtischen Kirchgemeinden bei Robert K. Merton promovierte.10)Imogen Seger: Responsibility for the community: A new norm confronts tradition in Lutheran city churches. The Bedminster Press, Totowa NJ 1963. An der Columbia University lernte sie auch Paul F. Lazarsfeld kennen und brachte ihn mit Elisabeth Noelle-Neumann und Erich Peter Neumann in Verbindung,11)Das erste Treffen von Erich Peter Neumann mit Paul F. Lazarsfeld, an dem Imogen Seger teilnahm, wird ausführlich beschrieben in: Brief von Erich ...continue als diese verschiedene Werke von Lazarsfeld auf Deutsch herauszugeben planten. 1960 erschien im Allensbacher Verlag für Demoskopie die erstmals 1933 veröffentlichte Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“, die Lazarsfeld gemeinsam mit Marie Jahoda und Hans Zeisel durchgeführt hatte.12)Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, & Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch mit einem Anhang zur Geschichte ...continue Imogen Seger verfasste später eine mehrfach übersetzte Einführung in die Soziologie13)Imogen Seger: Knaurs Buch der modernen Soziologie. Mit einem Geleitwort von Robert K. Merton. Knaur, München/Zürich 1970. und eine Deutung religiösen Bewusstseins in sogenannt primitiven Kulturen – eine Analyse, die von den Studien ihres Ehemanns, des englischen Historikers Rushton Coulborn, inspiriert worden war.14)Imogen Seger: Wenn die Geister wiederkehren. Weltdeutung und religiöses Bewusstsein in primitiven Kulturen. Pieper, München/Zürich 1982. Als Journalistin engagierte sie sich in einer Reihe von Texten für die Gleichberechtigung der Frauen.15)Siehe z.B.: Imogen Seger: Sexismus hält die Frauen unten. Warum Männer an amerikanischen Universitäten als sozial wichtiger gelten. In: Die ZEIT, ...continue

Wirtschaftshochschule Berlin

Zum Wintersemester 1935/36 schrieb sich Elisabeth Noelle an der Wirtschaftshochschule Berlin ein, da sie an der Friedrich-Wilhelms-Universität – gemäß Verwaltung wegen „Überfüllung der Universität“ – noch immer keinen Studienplatz erhalten hatte,16)Phil. Fak. 915, Promotionen, S. 59, Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin. und begann mit dem Studium der Zeitungswissenschaften, Geschichte und Philosophie.17)Familienchronik von Eva Noelle, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Im Laufe des Semesters verliebte sie sich in den österreichischen Mitstudenten Hans Hajek und plante, das Studium mit ihm zusammen in Wien fortzusetzen.18)Brief von Elisabeth Noelle an Imogen Seger, Berlin, 24. Februar 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Da ohne Mitgliedschaft im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) keine Aussicht auf einen Studienplatz im Ausland bestand,19)Brief von Elisabeth Noelle an Imogen Seger, Berlin, 24. Februar 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. trat sie der Vereinigung bei und nahm an einem einwöchigen Auswahllager teil,20)Elisabeth Noelle: Die Erinnerungen (S. 48). Herbig, München 2006. doch wurde ihr der Studienplatz in Wien nicht zugesprochen.21)Vgl. dazu: Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 19. Juni 1937, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: Darin erwähnt sie, dass der ...continue

Print Friendly

   [ + ]

1. Brief von Elisabeth Noelle an ihre Familie, Göttingen, 3. März 1934, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Und Hochschulreife nur für B.D.M.“ Zur Einführung des Hochschulreifevermerks, mit dessen Hilfe auch die „politische Auslese“ der Studentenschaft gefördert werden sollte, s.: Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 238). Schöningh, Paderborn 1995.
2. Zum obligatorischen Arbeitsdienst für Studierende, s.: Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 227f.). Schöningh, Paderborn 1995.
3. Elisabeth Noelle: Die Erinnerungen (S. 42). Herbig, München 2006. In vergleichbarer Weise wurde Franz Josef Strauß ebenfalls im Jahre 1935 die Immatrikulation an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität zunächst verweigert, obwohl er das beste Abitur seines Jahrgangs in Bayern abgelegt hatte. Grund dafür war offenbar die regimekritische Haltung seines Vaters. S. dazu: Peter Siebenmorgen: Franz Josef Strauß: Ein Leben im Übermaß (S. 32). Siedler, München 2015.
4, 16. Phil. Fak. 915, Promotionen, S. 59, Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin.
5, 17. Familienchronik von Eva Noelle, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
6. Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich (S. 227f.). Schöningh, Paderborn 1995.
7. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Scharnhorst, undatiert (Juli 1935), Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Siehe auch: Brief von Elisabeth Noelle an Fred von Hoerschelmann, Scharnhorst, 8. August 1935, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Unser Tagesablauf – um ½ 6 aufstehen – Frühsport, Fahnenappell – Gott sei Dank die einzige Gelegenheit, wo Nationalsozialismus herausgekehrt wird – Reden und völkische Ermahnungen werden gar nicht geschwungen – die Hauptsache ist so ganz und gar die Arbeit.“
8. Briefe von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Scharnhorst, 24. Juli und 8. September 1935, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
9. Die erste Begegnung im Frauenarbeitsdienst wird erwähnt in: Brief von Elisabeth Noelle an Imogen Seger, Berlin, 24. Februar 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Eigentlich passte ja unser Verhältnis gar nicht in den Rahmen einer FAD Freundschaft – ich glaube, wir beide hatten in den gemeinsamen Stunden das Gefühl, für kurze Zeit in unser normales Leben zurückgekehrt zu sein.“
10. Imogen Seger: Responsibility for the community: A new norm confronts tradition in Lutheran city churches. The Bedminster Press, Totowa NJ 1963.
11. Das erste Treffen von Erich Peter Neumann mit Paul F. Lazarsfeld, an dem Imogen Seger teilnahm, wird ausführlich beschrieben in: Brief von Erich Peter Neumann an Elisabeth Noelle-Neumann, New York, 27. Oktober 1956, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
12. Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, & Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. Verlag für Demoskopie, Allensbach/Bonn 1960.
13. Imogen Seger: Knaurs Buch der modernen Soziologie. Mit einem Geleitwort von Robert K. Merton. Knaur, München/Zürich 1970.
14. Imogen Seger: Wenn die Geister wiederkehren. Weltdeutung und religiöses Bewusstsein in primitiven Kulturen. Pieper, München/Zürich 1982.
15. Siehe z.B.: Imogen Seger: Sexismus hält die Frauen unten. Warum Männer an amerikanischen Universitäten als sozial wichtiger gelten. In: Die ZEIT, 3. März 1972, S. 66.
18, 19. Brief von Elisabeth Noelle an Imogen Seger, Berlin, 24. Februar 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
20. Elisabeth Noelle: Die Erinnerungen (S. 48). Herbig, München 2006.
21. Vgl. dazu: Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 19. Juni 1937, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: Darin erwähnt sie, dass der Studienaufenthalt in Wien durch „Intrigen“ verhindert worden sei.