Deutschland 1935-37

Berlin: 1935-1936

Atelier Breuhaus

Ein Jahr vor Elisabeth Noelles Abitur kündigte der Direktor des von ihr besuchten städtischen Oberlyzeums in Göttingen an, dass in Zukunft nur noch Schülerinnen, die Mitglied der NS-Jugendorganisation Bund Deutscher Mädel (BDM) seien, Hochschulzugang erhielten.1)Brief von Elisabeth Noelle an ihre Familie, Göttingen, 3. März 1934, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Möglicherweise weil Elisabeth Noelle trotz dieses Druckmittels dem BDM nicht beigetreten war, wurde ihr im Frühjahr 1935 ein Studienplatz an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin verweigert.2)Elisabeth Noelle: Die Erinnerungen (S. 42). Herbig, München 2006. Daraufhin belegte sie im Sommersemester 1935 Kurse an der privaten Kunstakademie Atelier Breuhaus in Berlin.3)Phil. Fak. 915, Promotionen, S. 59, Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin.

Semesterferien: Frauenarbeitsdienst

Im Sommer 1935 wurde Elisabeth Noelle zum Frauenarbeitsdienst einberufen, zu dem sie sich freiwillig gemeldet hatte und den sie vom 16. Juli bis zum 23. Oktober in Scharnhorst im Landkreis Lauenburg in Hinterpommern absolvierte.4)Familienchronik von Eva Noelle, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Dort lernte sie Imogen Seger kennen, die zu einer ihrer engsten Freundinnen wurde und mit der sie zeitlebens verbunden blieb.5)Die erste Begegnung im Frauenarbeitsdienst wird erwähnt in: Brief von Elisabeth Noelle an Imogen Seger, Berlin, 24. Februar 1936, Privatarchiv ...continue

Imogen Seger, Tochter des Schriftleiters Fritz Seger und der Pianistin Marianne Heinemann, arbeitete während des Zweiten Weltkrieges als Journalistin für die „Brüsseler Zeitung“. Nach dem Krieg veröffentlichte sie unter anderem in der von Alfred Andersch und Hans Werner Richter begründeten Zeitschrift „Der Ruf“, arbeitete für den Bayerischen Rundfunk und eine Zeit lang am Institut für Demoskopie Allensbach, für das sie auch später nebenberuflich tätig war. Im Jahre 1953 nahm sie im Alter von 37 Jahren das Studium der Soziologie an der Columbia University in New York auf, wo sie 1961 mit einer empirischen Untersuchung zu großstädtischen Kirchgemeinden bei Robert K. Merton promovierte.6)Imogen Seger: Responsibility for the community: A new norm confronts tradition in Lutheran city churches. The Bedminster Press, Totowa NJ 1963. An der Columbia University lernte sie auch Paul F. Lazarsfeld kennen und brachte ihn mit Elisabeth Noelle-Neumann und Erich Peter Neumann in Verbindung,7)Das erste Treffen von Erich Peter Neumann mit Paul F. Lazarsfeld, an dem Imogen Seger teilnahm, wird ausführlich beschrieben in: Brief von Erich ...continue als diese die von Lazarsfeld, Marie Jahoda und Hans Zeisel 1933 erstmals veröffentlichte Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ neu herauszugeben planten.8)Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, & Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch mit einem Anhang zur Geschichte ...continue Später verfasste Imogen Seger eine mehrfach übersetzte Einführung in die Soziologie9)Imogen Seger: Knaurs Buch der modernen Soziologie. Mit einem Geleitwort von Robert K. Merton. Knaur, München/Zürich 1970. und eine Deutung religiösen Bewusstseins in sogenannt primitiven Kulturen – eine Analyse, die von den Studien ihres Ehemanns, des englischen Historikers Rushton Coulborn, inspiriert worden war.10)Imogen Seger: Wenn die Geister wiederkehren. Weltdeutung und religiöses Bewusstsein in primitiven Kulturen. Pieper, München/Zürich 1982. Als Journalistin engagierte sie sich in einer Reihe von Texten für die Gleichberechtigung der Frauen.11)Siehe z.B.: Imogen Seger: Sexismus hält die Frauen unten. Warum Männer an amerikanischen Universitäten als sozial wichtiger gelten. In: Die ZEIT, ...continue

Wirtschaftshochschule Berlin

Zum Wintersemester 1935/36 schrieb sich Elisabeth Noelle an der Wirtschaftshochschule Berlin ein, da sie an der Friedrich-Wilhelms-Universität – gemäß Verwaltung wegen „Überfüllung der Universität“ – noch immer keinen Studienplatz erhalten hatte,12)Phil. Fak. 915, Promotionen, S. 59, Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin. und begann mit dem Studium der Zeitungswissenschaften, Geschichte und Philosophie.13)Familienchronik von Eva Noelle, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Im Laufe des Semesters verliebte sie sich in den österreichischen Mitstudenten Hans Hajek und plante, das Studium mit ihm zusammen in Wien fortzusetzen.14)Brief von Elisabeth Noelle an Imogen Seger, Berlin, 24. Februar 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Da ohne Mitgliedschaft im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) keine Aussicht auf einen Studienplatz im Ausland bestand,15)Brief von Elisabeth Noelle an Imogen Seger, Berlin, 24. Februar 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. trat sie der Vereinigung bei und nahm an einem einwöchigen Auswahllager teil,16)Elisabeth Noelle: Die Erinnerungen (S. 48). Herbig, München 2006. doch wurde ihr der Studienplatz in Wien nicht zugesprochen.17)Vgl. dazu: Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 19. Juni 1937, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: Darin erwähnt sie, dass der ...continue

Königsberg: 1936

Albertina

Aus Ärger darüber, nicht in Wien studieren zu dürfen, schlug Elisabeth Noelle gleichsam die entgegengesetzte Richtung ein und immatrikulierte sich für das Sommersemester 1936 an der Albertina in Königsberg.18)Elisabeth Noelle: Die Erinnerungen (S. 49). Herbig, München 2006. In einem Brief an Fred von Hoerschelmann schilderte sie ihre ersten Eindrücke der Stadt:19)Brief von Elisabeth Noelle an Fred von Hoerschelmann, Königsberg, 7. April 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Königsberg ist natürlich grau in grau getaucht – eine absolut und einheitlich nüchterne Stadt – absolut und einheitlich – das ist schon abgefärbt von meinem neuen Professor – dem es nur mit ähnlichen Wortanhäufungen gelingt, seine 45 Minuten trotz größter Gedankenleere sprechend durchzuhalten. In Königsberg schneit es – es fehlen tatsächlich nur die Wölfe und die heulenden Schakale zu dem Stimmungsbild: Deutscher Osten. Nun ja – gerade deswegen bin ich ja herauf gekommen.

Das zeitungswissenschaftliche Institut der Albertina, an dem Elisabeth Noelle Vorlesungen und Seminare besuchte, war 1935 vom Lehrbeauftragten Franz Alfred Six gegründet worden, der hauptberuflich beim Sicherheitsdienst der SS in Berlin die Presseabteilung leitete.20)Lutz Hachmeister: Der Gegnerforscher: Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six (S. 86-87). C.H. Beck, München 1991. Wie sich das Studium bei Six im einzelnen gestaltete, beschrieb Elisabeth Noelle in einem weiteren Brief an Fred von Hoerschelmann:21)Brief von Elisabeth Noelle an Fred von Hoerschelmann, Königsberg, 2. Mai 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Zu gleicher Zeit ist hier mein Zeitungswissenschaftler von ungeheurer Arbeitswut besessen – und verlangt das gleiche von uns – es ist eine Mühe, das zu vereinigen. Die Aufgaben – abgesehen von der ewigen Ausschneiderei fürs Archiv hageln nur so: In der vorigen Woche musste es ein Leitartikel sein, „Japan – Russland“ behandelte ich – weil ich davon am wenigsten wusste, und es sich am meisten lohnte, sich damit zu beschäftigen. Zudem waren so alle innenpolitischen Klippen umschifft – die durchaus gefährlich werden können – denn dieser Mann ist auch ein fanatischer Nationalsozialist. Manchmal stehn selbst mir die Haare zu Berge.

Zu den Aufgaben der Studenten gehörte, Texte in verschiedenen journalistischen Formaten zu verfassen, etwa – neben den bereits erwähnten Leitartikeln – Kommentare, Glossen und Lokalspitzen. Hierzu führte Elisabeth Noelle in einem Brief an ihre Mutter aus:22)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Königsberg, 15. Mai 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Im übrigen war ich beschäftigt: Drei Lokalspitzen sollten bis zum Donnerstag für das Seminar geschrieben werden. Erst einmal hatte ich keine Ahnung, was das überhaupt sei. Dann erfuhr ich, dass damit dieses kurze überflüssige Dings im Lokalteil gemeint war – über die Marktfrau – oder so was ähnliches. Ich hatte das immer für primitive Raumfüllung gehalten. Na, nun ging es also an Lokalspitzen suchen – ein ein wenig schwieriges Beginnen in einer Stadt, die man noch so wenig kennt. Nun, ich wandte mich an die geeigneten Leute – eine hatte ich auch selbst erlebt.

Eine der drei erwähnten Glossen wurde am 19. Mai 1936 im Lokalteil der Königsberger Allgemeinen Zeitung unter dem Titel „Sicher ist sicher“ abgedruckt – Elisabeth Noelles erster Zeitungsartikel.

Während ihres Studiums in Königsberg unternahm sie mehrere Ausflüge an die Ostsee und die masurischen Seen, meist in Begleitung eines Studienkollegen, der ein Nachfahre des Naturforschers Carl Gustav Carus war.23)Elisabeth Noelle: Die Erinnerungen (S. 49). Herbig, München 2006. Über Pfingsten 1936 reiste sie zusammen mit ausländischen Universitätsangehörigen und deren Dozenten, darunter der Romanist Karl Heinz Bremer,24)Karl Heinz Bremer unterrichtete ab 1936 in Paris an der Sorbonne und der Ecole Normale Supérieure, trat 1937 der NSDAP bei und wurde 1940 ...continue nach Finnland.25)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Königsberg, 15. Mai 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Für die Ausländer der ...continue Unter dem Titel „Kleine Reise nach Finnland“ veröffentlichte sie darüber einen Bericht in der Königsberger Allgemeinen Zeitung vom 14. Juni 1936.26)Elisabeth Noelle: Kleine Reise nach Finnland. In: Königsberger Allgemeine Zeitung, 14. Juni 1936. Zeitungsausschnitt in Belegband, Privatarchiv ...continue

Gegen Ende des Sommersemesters nahm Elisabeth Noelle an einer Fabrikbesichtigungsexkursion durch Ost- und Westpreußen teil, die von der Arbeitsgemeinschaft der Volkswirte der Universität organisiert wurde.27)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Königsberg, 25. Juni 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Damals wurde in diesen Regionen der Ausbau der Industrie vorangetrieben, um der Bevölkerungsabwanderung entgegenzuwirken.28)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Königsberg, 25. Juni 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Nach der Besichtigung von sieben Fabriken29)Besucht wurden eine Eisenumpresserei in Wormditt, eine Butterfassfabrik in Osterode, eine Schul- und Sitzmöbelfabrik sowie ein ...continue besuchte die Gruppe außerdem das ehemals kaiserliche Schloss in Cadinen, die Ordensburg Schönberg, sowie den Dom und das Arbeitszimmer von Kopernikus in Frauenburg. Zur Besichtigung der Dauermilchfabrik merkte Elisabeth Noelle in einem Brief an ihre Mutter an: „Mir ist ganz Angst und Bange im Gedanken an meinen Fabrikdienst bei dem Anblick dieser stumpfsinnigen Arbeit geworden.“ Und zu den Erläuterungen des Leiters des Kartoffelverwertungswerkes meinte sie: „Nach seinen Ausführungen erfasst uns alle der Kartoffelwahn – schon scheinen uns die Zeiten nah, da man mit Kartoffel als Ernährung auskommt.“30)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Königsberg, 25. Juni 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Semesterferien: Pillkoppen, Fabrikdienst in Berlin und Jugoslawienreise

Nach Semesterschluss reiste Elisabeth Noelle Anfang Juli in das kleine Dorf Pillkoppen auf der Kurischen Nehrung, das sie schon ein Jahr zuvor ein erstes Mal besucht hatte und wo sie sich diesmal mit ihrem Freund Jörg Jensen traf. Die beiden wohnten vier Wochen als Pensionsgäste im Haus eines Fischers. Während ihr Freund sich auf seine medizinischen Examen vorbereitete, widmete sie sich dem Lesen, Schreiben und der Malerei.31)Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Pillkoppen, 9. Juli 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Von Pillkoppen aus unternahmen sie eine kurze Reise in die litauischen Orte Nidden, Preil, Schwarzort und Memel, die im sogenannten Memelland lagen, das bis 1919 zu Deutschland gehört hatte und 1939 unter dem Druck eines Ultimatums wieder an es abgetreten wurde. In Nidden trafen sie Diedrich Osmer,32)Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Pillkoppen, 24. Juli 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. einen Jugendfreund von Elisabeth Noelle und ihrer Schwester Gisela. Osmer arbeitete nach dem Krieg am Institut für Demoskopie Allensbach und wechselte dann an das Institut für Sozialforschung in Frankfurt, wo er als Mitarbeiter von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer erster Leiter der Research-Abteilung wurde33)Theodor W. Adorno Archiv (Hrsg.): Adorno – Eine Bildbiographie (S. 230). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003. und maßgeblich an der berühmten Gruppenstudie beteiligt war.34)Siehe dazu: Alex Demirovic: Der nonkonformistische Intellektuelle – Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule (S. 360ff.). ...continue

Anfang August 1936 reiste Elisabeth Noelle zurück nach Berlin, wo sie freiwilligen Fabrikdienst leistete, zunächst zwei Wochen in der Druckerei Schumacher und dann eine Woche in der Zigarettenfabrik Garbáty.35)Familienchronik von Eva Noelle, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna; Die Geschäftsanteile der Firma befanden sich damals je zur Hälfte in ...continue Nach der Fabrikarbeit besuchte Elisabeth Noelle jeweils Wettkämpfe der Olympischen Spiele – zusammen mit ihrer Familie hatte sie auch an der Eröffnungsfeier im Olympiastadion teilgenommen.36)Siehe: Foto der Familie Noelle im Olympiastadion, 1. August 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Ende August reichte Elisabeth Noelle beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) ihre Bewerbung um einen Studienplatz in den USA ein.37)Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 1). Gebundenes, 93-seitiges Typoskript mit Photographien, 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, ...continue Ein Dreivierteljahr später erhielt sie von der University of Missouri und der sie einladenden amerikanischen Studentenvereinigung die offizielle Zusage, zwei Semester an der School of Journalism der University of Missouri in Columbia studieren zu können.38)Brief von Clara O. Pierce, Executive Secretary der Kappa Kappa Gamma Fraternity, an Elisabeth Noelle, Columbus, Ohio, 4. Juni 1937. Privatarchiv ...continue

Im Oktober 1936 unternahm Elisabeth Noelle eine dreiwöchige Reise nach Jugoslawien. Vom jugoslawischen Konsulat in Berlin hatte sie sich zuvor als Journalistin anerkennen und einen Presseausweis ausstellen lassen.39)Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 1). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Mit der Reise erfüllte sie sich nicht nur den langgehegten Wunsch, ein südeuropäisches Land zu besuchen, sondern wollte damit auch in Erfahrung bringen, ob ihr das Leben als alleinreisende Reporterin liegen würde.40)Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 66). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Außerdem hoffte sie, dass die Veröffentlichung von Artikeln nützlich für ihr Gesuch um einen Studienplatz in Amerika sein könnte.41)Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 54). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Ihre Reise führte sie nach Zagreb, auf die Inseln Susak und Rab, und dann weiter nach Split, Dubrovnik, Kotor, Cetinje, Mostar, Sarajewo, Belgrad und Novi Sad. Per Eisenbahn und Schiff fuhr sie von Ort zu Ort, übernachtete jeweils in einfachen Hotels und unternahm Erkundungstouren zu Fuß, wobei sie ganz bewusst Begegnungen mit Einheimischen suchte. Gegenüber dem Luxustourismus, den es schon damals gab, ging sie ganz bewusst auf Distanz:42)Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 39). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Ragusa – Auf dem Fahrplan: „Dubrovnik“. Ich habe mich eigentlich gar nicht hierher gesehnt. An dem Namen haftet ein mir unangenehmer Geruch von internationaler luxuriöser Badegesellschaft mit entsprechendem Hochmut, Unbehaglichkeit und Fremdennepp. Aber der Fahrplan des Schiffes, das mich nach Kotor und nach Montenegro bringen sollte, will es, dass ich hier vier Tage bleiben muss. Und nun regnet es. Auf dem Sims von meinem Fenster sitzen zwei aufgeplusterte Tauben und schauen ratlos in den Regen.

Von der Landschaft Jugoslawiens und der Allgegenwart der Musik im täglichen Leben war sie auf Anhieb begeistert:43)Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 49; 53; 91-92). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Ich glaube, es war sehr unvorsichtig von mir, als erstes Reiseziel Jugoslawien zu wählen! All meine Träume und Fantasien von kleinen italienischen Städtchen – von südlichen Meeren – von spanischen Inseln, Provence und französischer Riviera und vom fremdartigen Orient – all das finde ich hier verwirklicht. Wie weit werde ich in Zukunft reisen müssen, um Neues, noch Schöneres, noch Fremderes zu finden? (…) Die Musik ist in diesem Volk zu Hause; in den Städtchen und Dörfern singt es aus allen Türen und Fenstern, und als ich durch die Dalmatinischen Weinberge wanderte, war es mir, als ginge ich durch ein singendes von innen heraus klingendes Land: nicht endenwollende Lieder, Jubel und Rufen tönte um mich her und verstummte erst, als es dunkel wurde. (…) Und aus der Musik entspringt wieder eine besondere Weichheit und Anmut, dass ich gut verstehen kann, warum mir ein Jugoslawe von den deutschen Mädchen im Gegensatz zu den jugoslawischen sagte: sie sind steif wie Bretter!

In ihren Reiseaufzeichnungen tauchen auch Themen auf, die sie als Studentin, Journalistin und später als Meinungsforscherin ein Leben lang beschäftigt haben, beispielsweise die soziale Situation der Frauen in verschiedenen Kulturen. An der Universität Zagreb diskutierte sie dieses Thema mit dem Dekan der juristischen Fakultät:44)Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 13). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Aber noch komischer war es, als wir uns in die Haare gerieten wegen des Frauenwahlrechtes. Es scheint mir nahezu unfassbar, dass in einem Land, in dem der Prozentsatz der weiblichen Studierenden so hoch ist wie in Jugoslawien – dass in so einem Land die Frauen kein Wahlrecht haben.– Der Professor meinte, Mann und Frau würden sich in die Haare bekommen, wenn beide wählen gingen.

Auch Beobachtungen und Überlegungen zur Frage, welche Lebensbereiche öffentlich gezeigt und welche verborgen werden, finden sich im Jugoslawischen Reisebericht – ein Thema, das später in Elisabeth Noelle-Neumanns Theorie der öffentlichen Meinung große Bedeutung erlangen wird:45)Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 61). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Und gerade auf dem Balkan spricht wohl das Straßenbild recht deutlich vom Wesen seiner Bevölkerung. Seltsamer Zwiespalt: jede Gasse ist von hohen Mauern eingesäumt, die in Deutschland geradezu verboten sind. Ängstlich verbirgt man scheinbar das Privatleben vor der Öffentlichkeit. Auf den Dächern, auf Balkonen und friedlich abgeschiedenen Hofgärten spielen sich die Familienszenen ab. Andererseits aber arbeiten die Handwerker, Kaufleute, Bürobeamten vor der offenen Straße. (…) Wie ist der Gegensatz, der dazwischen doch offensichtlich besteht, zu erklären? Scheidet sich da die männliche und die weibliche Welt? Selbstverständlich haben sich auch hier inzwischen diese Dinge schon verwischt. Doch tatsächlich sieht man kaum Frauen auf der Straße, jedenfalls bestimmt nicht herumstehend, sondern allenfalls arbeitend. Danach scheint es wahrscheinlich, dass in diesem Land nur die Frauen arbeiten, und man hat mit dieser Vermutung nicht ganz unrecht.

Die vorletzte Station ihrer Reise führte sie nach Belgrad, wo sie von Sarajewo her kommend nachts eintraf:46)Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 89). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Mit den Gesichtern der Städte ist es wie mit Menschengesichtern. Es gibt Tages- und Nachtschönheiten. (…) Als sich mein Zug am Abend vorher Belgrad näherte, kündigte sich die Stadt durch eine weit darum gezogene Lichterkette an: wir rannten diese unstoffliche weichende Stadtmauer aus Dunkelheit und leuchtenden Punkten an und durchbrachen sie endlich. Als ich am nächsten Abend auf den Höhen hinter Belgrad spazieren ging, sah ich, dass es sich bei meiner visionären Stadtmauer um nichts anderes handelte als eine grosszügig beleuchtete Verbindungsstraße der Stadt mit einem ihrer Vororte.

Über ihre Eindrücke von Belgrad berichtete Elisabeth Noelle in einem Artikel, der in der Königsberger Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde.47)Elisabeth Noelle: Das heutige Belgrad. Sachliche Hochhäuser verdrängen die einstöckigen Hütten – Bummel durch die nächtliche Grossstadt. In: ...continue

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1. Brief von Elisabeth Noelle an ihre Familie, Göttingen, 3. März 1934, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
2. Elisabeth Noelle: Die Erinnerungen (S. 42). Herbig, München 2006.
3, 12. Phil. Fak. 915, Promotionen, S. 59, Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin.
4, 13. Familienchronik von Eva Noelle, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
5. Die erste Begegnung im Frauenarbeitsdienst wird erwähnt in: Brief von Elisabeth Noelle an Imogen Seger, Berlin, 24. Februar 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Eigentlich passte ja unser Verhältnis gar nicht in den Rahmen einer FAD Freundschaft – ich glaube, wir beide hatten in den gemeinsamen Stunden das Gefühl, für kurze Zeit in unser normales Leben zurückgekehrt zu sein.“
6. Imogen Seger: Responsibility for the community: A new norm confronts tradition in Lutheran city churches. The Bedminster Press, Totowa NJ 1963.
7. Das erste Treffen von Erich Peter Neumann mit Paul F. Lazarsfeld, an dem Imogen Seger teilnahm, wird ausführlich beschrieben in: Brief von Erich Peter Neumann an Elisabeth Noelle-Neumann, New York, 27. Oktober 1956, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
8. Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, & Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. Verlag für Demoskopie, Allensbach/Bonn 1960.
9. Imogen Seger: Knaurs Buch der modernen Soziologie. Mit einem Geleitwort von Robert K. Merton. Knaur, München/Zürich 1970.
10. Imogen Seger: Wenn die Geister wiederkehren. Weltdeutung und religiöses Bewusstsein in primitiven Kulturen. Pieper, München/Zürich 1982.
11. Siehe z.B.: Imogen Seger: Sexismus hält die Frauen unten. Warum Männer an amerikanischen Universitäten als sozial wichtiger gelten. In: Die ZEIT, 3. März 1972, S. 66.
14, 15. Brief von Elisabeth Noelle an Imogen Seger, Berlin, 24. Februar 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
16. Elisabeth Noelle: Die Erinnerungen (S. 48). Herbig, München 2006.
17. Vgl. dazu: Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, München, 19. Juni 1937, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: Darin erwähnt sie, dass der Studienaufenthalt in Wien durch „Intrigen“ verhindert worden sei.
18, 23. Elisabeth Noelle: Die Erinnerungen (S. 49). Herbig, München 2006.
19. Brief von Elisabeth Noelle an Fred von Hoerschelmann, Königsberg, 7. April 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
20. Lutz Hachmeister: Der Gegnerforscher: Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six (S. 86-87). C.H. Beck, München 1991.
21. Brief von Elisabeth Noelle an Fred von Hoerschelmann, Königsberg, 2. Mai 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
22. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Königsberg, 15. Mai 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
24. Karl Heinz Bremer unterrichtete ab 1936 in Paris an der Sorbonne und der Ecole Normale Supérieure, trat 1937 der NSDAP bei und wurde 1940 stellvertretender Leiter des Deutschen Wissenschaftlichen Instituts in Paris, das als Schaltstelle der Kollaboration galt. Durch Vermittlung von Bremer lernte Elisabeth Noelle 1937 in München Pierre Grappin kennen, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft verband. Grappin, der sich während des Zweiten Weltkrieges der Résistance um Jean Moulin anschloss, verhaftet wurde und sich durch die Flucht aus einem Gefangenenzug der Deportation in ein Konzentrationslager entziehen konnte, wurde später Germanistik-Professor und Dekan der Faculté des Lettres der Université Nanterre in Paris. Siehe dazu: Frank-Rutger Hausmann: Werner Krauss und der „Kriegseinsatz“ der deutschen Romanisten 1940-1941. In: Ottmar Ette, Martin Fontius, Gerda Hassler & Peter Jehle (Hrsg.): Werner Krauss: Wege – Werke – Wirkungen (S. 11-39). Verlag Arno Spitz, Berlin 1999; Pierre Grappin: L’île aux peupliers – De la résistance à mai 68: Souvenirs du doyen de Nanterre. Presses Universitaires de Nancy, Nancy 1993.
25. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Königsberg, 15. Mai 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna: „Für die Ausländer der Universität – und ihre Beschützer, d.h. die fremdsprachigen Dozenten wird über Pfingsten eine stark ermäßigte Finnlandfahrt veranstaltet – sie soll 30 Mark kosten – eigne Verpflegung natürlich. Eine unglaublich günstige Gelegenheit und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es Wahrheit werden könnte – Finnland – vielleicht auch Riga und Reval sehen!!“
26. Elisabeth Noelle: Kleine Reise nach Finnland. In: Königsberger Allgemeine Zeitung, 14. Juni 1936. Zeitungsausschnitt in Belegband, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
27, 28, 30. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Königsberg, 25. Juni 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
29. Besucht wurden eine Eisenumpresserei in Wormditt, eine Butterfassfabrik in Osterode, eine Schul- und Sitzmöbelfabrik sowie ein Kartoffelverwertungswerk in Eylau, eine Dauermilchfabrik sowie eine Gummifabrik in Marienwerder und schließlich eine Werft in Schiechau.
31. Brief von Elisabeth Noelle an Ernst Noelle, Pillkoppen, 9. Juli 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
32. Brief von Elisabeth Noelle an Eva Noelle, Pillkoppen, 24. Juli 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
33. Theodor W. Adorno Archiv (Hrsg.): Adorno – Eine Bildbiographie (S. 230). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003.
34. Siehe dazu: Alex Demirovic: Der nonkonformistische Intellektuelle – Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule (S. 360ff.). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999; Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule – Geschichte, theoretische Entwicklung und politische Bedeutung (S. 486ff.). Hanser, München/Wien 1986.
35. Familienchronik von Eva Noelle, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna; Die Geschäftsanteile der Firma befanden sich damals je zur Hälfte in Händen der Zigarettenfirma Reemtsma und im Besitz der Familie Garbáty, die jüdischer Herkunft war und zwei Jahre später im Rahmen der nationalsozialistischen Arisierungspolitik enteignet wurde. Siehe dazu: Tino Jacobs: Rauch und Macht. Das Unternehmen Reemtsma 1920 bis 1961 (S. 155). Wallstein, Göttingen 2008.
36. Siehe: Foto der Familie Noelle im Olympiastadion, 1. August 1936, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
37. Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 1). Gebundenes, 93-seitiges Typoskript mit Photographien, 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
38. Brief von Clara O. Pierce, Executive Secretary der Kappa Kappa Gamma Fraternity, an Elisabeth Noelle, Columbus, Ohio, 4. Juni 1937. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
39. Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 1). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
40. Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 66). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
41. Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 54). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
42. Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 39). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
43. Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 49; 53; 91-92). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
44. Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 13). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
45. Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 61). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
46. Elisabeth Noelle: Jugoslawischer Reisebericht (S. 89). 1936. Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
47. Elisabeth Noelle: Das heutige Belgrad. Sachliche Hochhäuser verdrängen die einstöckigen Hütten – Bummel durch die nächtliche Grossstadt. In: Königsberger Allgemeine Zeitung, 14. Februar 1937. Zeitungsausschnitt in Belegband, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.