Unterlassungserklärungen von Dieter Prokop

Dieter Prokop, emeritierter Soziologieprofessor an der Universität Frankfurt, rezensierte Jörg Beckers Biographie von Elisabeth Noelle-Neumann für die Zeitschrift Sozialismus. Nun hat Prokop mehrere strafbewehrte Unterlassungserklärungen unterzeichnen müssen und Sozialismus hat sich verpflichtet, seine Rezension nicht mehr in Umlauf zu bringen. Prokop, der sich von Beckers „seriösem, alles belegenden Vorgehen“ beeindruckt gezeigt und geschwärmt hatte, es handle sich bei seiner Arbeit um „ausgezeichneten investigativen Journalismus“, hat jetzt nicht mehr bestritten, dass es sich in Wahrheit um eines der fehlerhaftesten Bücher der letzten Jahrzehnte handelt.

In seiner Rezension hatte Prokop Beckers Falschdarstellungen sogar noch überboten, beispielsweise mit der Behauptung, Elisabeth Noelle-Neumanns Dissertation sei „zugleich ein Bericht für das Goebbels-Propagandaministerium, zusammengestellt aus Materialien des Ribbentrop-Außenministeriums“ gewesen. Prokops phantasievolle Unterstellung gründete auf Beckers Behauptung, die Dissertation beruhe einzig und allein auf der Auswertung einer Presseausschnittsmappe des Außenministeriums, die vom Propagandaministerium zugänglich gemacht worden sei. Bezüglich dieser Falschdarstellung musste Becker bereits vor längerem eine strafbewehrte Unterlassungserklärung abgeben.

Eine weitere Kostprobe seiner Unkenntnis lieferte Prokop mit der Behauptung, Elisabeth Noelle-Neumann habe Paul F. Lazarsfelds Forschungsergebnisse zu den sogenannten Meinungsführern („opinion leaders“) „pervertiert“. Statt zu recherchieren, brachte Prokop einfach seine Vorurteile zu Papier, und so entging ihm, dass Paul F. Lazarsfeld und Elisabeth Noelle-Neumann befreundet waren und während vielen Jahren eng zusammenarbeiteten.

Natürlich kolportierte Prokop auch Beckers Schauermärchen, wonach Elisabeth Noelle-Neumann das Institut für Demoskopie Allensbach mit Hilfe „alter Nazi-Netzwerke“ gegründet habe. Als Beleg hatte Becker angeführt, Heinrich Rittershausen, von 1948 bis 1950 Hauptkapitalgeber des Instituts, sei vom Frankfurter NS-Dozentenbund als „Nazi durch und durch“ bezeichnet worden. Und es sei zu vermuten, dass es sich bei ihm um einen alten Freund von Elisabeth Noelle-Neumann oder ihrem ersten Ehemann Erich Peter Neumann gehandelt habe.

Weder das eine noch das andere trifft zu. In den Originalakten des NS-Dozentenbundes vom 16. Februar 1934, die Becker nicht eingesehen hatte, wurde der Dozent Lampert als „durch und durch Ns“ eingestuft, nicht jedoch Rittershausen. Und es handelte sich bei ihm auch nicht um einen alten Freund von Elisabeth Noelle-Neumann oder ihrem Ehemann, sondern um einen Schwager des französischen Obersts Bernard Lahy, den dieser in die Geschäftsleitung des Instituts beorderte, um es unter seine Kontrolle zu bringen – was ihm dann allerdings doch nicht gelingen sollte.

Angestachelt von Beckers Kritik an angeblichen „methodischen Schwächen“ der wissenschaftlichen Arbeiten von Elisabeth Noelle-Neumann verstieg sich Prokop in seiner Rezension auch gleich noch zur Behauptung, das Institut für Demoskopie habe sich bei seinen Wahlprognosen jeweils „gewaltig geirrt“. In Wahrheit wichen die Allensbacher Prognosen der zwölf Bundestagswahlen zwischen 1957 und 1998, die unter der Leitung von Elisabeth Noelle-Neumann erstellt wurden, im Durchschnitt weniger als ein Prozent von den amtlichen Endergebnissen ab, und kein anderes Meinungsforschungsinstitut sagte den Wahlausgang in dieser Zeitspanne genauer vorher.1)Elisabeth Noelle-Neumann & Renate Köcher (Hrsg.): Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1998-2002 (S. 779-780). K.G. Saur/VfD, ...continue

Zu Beckers Kritik an den wissenschaftlichen Methoden von Elisabeth Noelle-Neumann merkte Karl-Heinz Reuband, Soziologieprofessor an der Universität Düsseldorf und ausgewiesener Kenner der Meinungsforschung, in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie an:2)Köln Z Soziol (2014) 66: 310.

Was die Beurteilung der Methodologie der Umfrageforschung angeht, erweist sich der Autor [Jörg Becker] mit seiner Kritik als weitgehend ignorant. Die Fehlurteile reichen von falschen Vorstellungen über Stichprobenziehung und Repräsentativität von Umfragen bis zu ungenügenden Vorstellungen über Strategien der Fragekonstruktion und Auswertung.

Eine Zusammenfassung zu den rechtlichen Auseinandersetzungen um Jörg Beckers Biographie von Elisabeth Noelle-Neumann können Sie hier finden.

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1. Elisabeth Noelle-Neumann & Renate Köcher (Hrsg.): Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1998-2002 (S. 779-780). K.G. Saur/VfD, München/Allensbach 2002.
2. Köln Z Soziol (2014) 66: 310.