Elisabeth Noelle-Neumann im Visier der Organisation Gehlen

saelter-2016Anfang der 50er-Jahre ließen Mitarbeiter der Organisation Gehlen, aus der später der Bundesnachrichtendienst hervorging, ein Feindbild aus der Kriegszeit wiederaufleben: Das der „Roten Kapelle“, eines angeblich ganz Europa überziehenden sowjetischen Spionagenetzwerkes. In einem internen Bericht wurde sie als „Eliteorganisation“ dargestellt, „die bei vorzüglichster Steuerung, hervorragend ausgestatteten Meldewegen und schärfster Personalauslese als Abwehrfeind Nr. 1 aller europäischen Staaten zu bezeichnen ist“.1)Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links ...continue

Mit der Verfolgung des altvertrauten Staatsfeindes befassten sich vor allem ehemalige Mitarbeiter der Gestapo, also genau der Organisation, die während des Krieges die Chimäre der angeblich europaweit agierenden und von Moskau gesteuerten „Roten Kapelle“ propagiert hatte. Denn der als „Rote Kapelle“ bezeichnete Widerstandskreis um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen, der 1942 aufflog, unterhielt in Wahrheit nur ephemere Kontakte zu sowjetischen Agentenringen in anderen europäischen Ländern – von einer zentral gesteuerten Spionageorganisation konnte nicht die Rede sein.2)Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links ...continue

Im Zuge der Fahndung nach der „Roten Kapelle“ geriet auch Elisabeth Noelle-Neumann ins Visier der Organisation Gehlen und wurde jahrelang observiert, wie aus der gerade erschienenen, detaillierten Studie des Historikers Gerhard Sälter hervorgeht, der umfangreiches Archivmaterial des Bundesnachrichtendienstes erstmals erschlossen hat.3)Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links ...continue Zunächst hatte eine bloße Verwechslung Elisabeth Noelle-Neumann verdächtig erscheinen lassen: Ein Dr. Ernst Noelle in Berlin-Lichterfelde, von dem die Geheimdienstler annahmen, es handle sich um ihren Bruder, sei in der sowjetischen Besatzungszone in einem „Amt für Enteignungen“ tätig. Als ein V-Mann Ernst Noelles zweite Ehefrau aushorchte, stellte sich heraus, dass es sich in Wahrheit um Elisabeth Noelle-Neumanns Vater handelte, der damals als Jurist für die „Berliner Zeitung“ arbeitete.4)Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links ...continue

In den Augen der Geheimdienstler hatten sich jedoch bereits weitere Verdachtsmomente gegen Elisabeth Noelle-Neumann ergeben. So stand sie in Verbindung mit Herbert Engelsing, der in Konstanz als Rechtsanwalt tätig war und der Organisation Gehlen als sowjetischer „Chefagent“ galt. Engelsing, seit 1933 Mitglied der NSDAP, war ab 1937 leitender Mitarbeiter der Filmproduktionsgesellschaft Tobis. Im Schutze der von ihm gepflegten regimetreuen Fassade unterstützte er politisch Verfolgte, insbesondere die Gruppe um Harnack und Schulze-Boysen.5)Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links ...continue

Außerdem brachten die Gehlen-Geheimagenten, die in Allensbach herumschnüffelten, in Erfahrung, dass Hans Georg Brenner, der mit Elisabeth Noelle-Neumanns erstem Ehemann Erich Peter Neumann seit den 30er-Jahren befreundet war, 1950/51 am Institut für Demoskopie gearbeitet hatte. Brenner, Mitglied der Gruppe 47, galt der Organisation Gehlen als überzeugter Kommunist.

Noch suspekter erschien den Geheimdienstlern ein Mann namens Olschowski, der sich gemäß Auskunft von Dorfbewohnern länger in Allensbach aufgehalten habe und im Verdacht stehe, ein östlicher Geheimagent zu sein, ja sogar einen Geheimsender betrieben zu haben. Überhaupt waren den Dorfbewohnern, die der Organisation Gehlen als Informanten dienten, die Auslandsbeziehungen von Elisabeth Noelle-Neumann nicht ganz geheuer: Von Amerikanern und Franzosen erhalte sie Besuch, und außerdem reise sie selber immer wieder nach Großbritannien.6)Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links ...continue

Den Gehlen-Agenten entgingen bei ihren Nachforschungen über „Allensbach“ jedoch leicht zu ermittelnde Zusammenhänge, die in ihren Augen von entscheidender Bedeutung hätten sein müssen. So erschloss es sich ihnen offenbar nicht, dass Herbert Engelsing und Ernst Noelle sich von ihrer Tätigkeit bei der Tobis her kannten, wo letzterer als Generaldirektor fungiert hatte.7)Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links ...continue

Vor allem aber übersahen sie, dass Elisabeth Noelle-Neumann und Erich Peter Neumann schon während des Krieges mit Leo Skrzypczynski befreundet waren, der dem Widerstandskreis um Arvid Harnack angehörte, seit 1943 im KZ Sachsenhausen inhaftiert war und nach Kriegsende bis 1948 als Präsident der Deutschen Zentralverwaltung für Industrie in der sowjetischen Besatzungszone amtierte.8)Zu Leo Skrzypczynski, s.: Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes ...continue Erwähnt wird Skrzypczynski beispielsweise in einem Brief, den Elisabeth Noelle-Neumann am 25. November 1941 an Erich Peter Neumann richtete, der sich gerade an der Ostfront befand:

skrzypczynski-widmung-epn-1942

Zum 30. Geburtstag von Erich Peter Neumann: Widmung von Leo Skrzypczynski  Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna

Vorher hat mich Schipschinsky angerufen – es gibt keine zeitliche Möglichkeit, ihn mehr zu sehen bis Sonntag, und Sonntag fährt er nach Paris für zehn Tage. Und da ihn unser Hotel sehr begeistert habe, sagte er, wolle er sich morgen schon im Wagram ein Zimmer bestellen. Du – diese Nachricht gehört mit zu dem, von dem ich nicht weiß, ob ich Dir davon schreiben soll.

Als verborgen konnte die Verbindung zu „Schips“, wie er unter Freunden genannt wurde, kaum gelten, denn Erika Skrzypczynski arbeitete seit den 50er-Jahren für das von Neumann geleitete Bonner Büro des Instituts für Demoskopie. Wären die Kommunistenjäger auf diese Verbindung gestoßen und hätten sie den Verdacht an das Bundeskanzleramt weitergeleitet, so hätte das möglicherweise das Ende der Aufträge der Bundesregierung für das Institut für Demoskopie bedeutet.

In seiner zurückgezogenen Biographie von Elisabeth Noelle-Neumann hatte Jörg Becker noch die Vermutung geäußert, sie sei Mitarbeiterin der Organisation Gehlen gewesen. Einmal mehr gelang ihm damit das Kunststück, die historische Realität buchstäblich auf den Kopf zu stellen.

Print Friendly

   [ + ]

1. Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links Verlag, Berlin 2016, S. 103.
2. Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links Verlag, Berlin 2016, S. 107.
3. Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links Verlag, Berlin 2016.
4. Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links Verlag, Berlin 2016, S. 355-357.
5. Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links Verlag, Berlin 2016, S. 102-103.
6. Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links Verlag, Berlin 2016, S. 356-358.
7. Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links Verlag, Berlin 2016, S. 355.
8. Zu Leo Skrzypczynski, s.: Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges – Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes „Rote Kapelle“. Ch. Links Verlag, Berlin 2016, S. 268.