Familienhintergrund

Familienhintergrund

Elisabeth Noelle wurde am 19. Dezember 1916 als zweites von vier Kindern des Ehepaares Eva und Ernst Noelle geboren, das an der Schillerstraße 14/15 in Berlin-Charlottenburg wohnte.1)Familienchronik von Eva Noelle, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Ernst Noelle hatte in Berlin, Freiburg im Breisgau und Paris Jura studiert und nach der Promotion in Heidelberg zunächst in der Stahlbaufirma Steffens & Nölle gearbeitet, die von seinem Vater Ernst Noelle sen. 1893 mitbegründet worden war. Während des Ersten Weltkrieges diente Ernst Noelle jun. als Leutnant der Reserve im Ulanenregiment 16, danach im Infanterieregiment 16 und schließlich im Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt in Berlin. Nach dem Krieg war Ernst Noelle jun. in den Leitungsgremien verschiedener Firmen tätig, so etwa als Vorstandsmitglied der Tobis, der seinerzeit bedeutendsten deutschen Filmproduktionsgesellschaft neben der UFA, und als Direktor der Associated Sound Film Industries in London.2)Lebenslauf von Dr. iur. Ernst Noelle, undatiert, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.

Buchenstraße 4 in Berlin-Tiergarten: Wohnhaus von Fritz Schaper und seiner Familie (im 2. Weltkrieg zerstört)

Buchenstraße 4 in Berlin-Tiergarten: Wohnhaus von Fritz Schaper und seiner Familie (im 2. Weltkrieg zerstört)

Eva Noelle hingegen stammte aus einer Künstlerfamilie: Sie war eines der vier Kinder des Bildhauers Fritz Schaper. Zu seinen bekanntesten Werken zählen das Goethe-Denkmal im Berliner Tiergarten, die Christus-Statue im Museum der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die als Bronzestatuette erhaltene „Preußische Madonna“ (Königin Luise), die Viktoria in der Eingangshalle des Deutschen Historischen Museums, das Giebelrelief des Reichstagsgebäudes, das Lessing-Denkmal auf dem Gänsemarkt in Hamburg sowie das Luther-Denkmal in Erfurt.

Wie sich das Familienleben im Hause ihres Großvaters Fritz Schaper in Berlin abspielte, beschrieb Elisabeth Noelle in dem Artikel „Der Kaiser im Atelier. Ein Berliner Künstlerhaus um 1900“, den sie als Journalistin in der 1940 gegründeten Wochenzeitung „Das Reich“ veröffentlichte. Von Zeit zu Zeit, so schilderte sie, besuchte Kaiser Wilhelm II. Fritz Schaper in seinem Haus an der in den 1960er-Jahren aufgehobenen Buchenstraße in der Nähe des Nollendorfplatzes:

Die Buchenstraße wurde abgesperrt, drei Karossen fuhren vor, und der Kaiser kam, um im Atelier die neuen Werke zu besehen. Bei solcher Festlichkeit standen auch die Kinder zur Begrüßung in der weiten, dunklen Diele, und später schauten sie vom zweiten Stock aus durch die Gardinen, wie auf den Schienen der Wagen mit der Wisentgruppe oder der Große Kurfürst für den Kaiser in den Garten gerollt wurde.

Ein Urgroßvater mütterlicherseits von Elisabeth Noelle war Emil Rittershaus, der unter anderem als Dichter des Westfalenliedes Bekanntheit erlangt hatte. Zu seinen Freunden zählten der Lyriker Ferdinand Freiligrath, der sich nach seinem Engagement für die gescheiterte Revolution von 1848 wegen politischer Verfolgung nach England ins Exil hatte absetzen müssen, sowie Hoffmann von Fallersleben, der Dichter des Deutschlandliedes.3)Siehe dazu: Hoffmann von Fallersleben: „Aus eines Ritters Haus…“ (Emil Rittershaus gewidmetes, handgeschriebenes und ...continue Emil Rittershaus’ Tochter Adeline Rittershaus-Bjarnason, eine promovierte Skandinavistin und Frauenrechtlerin, die 1902 als erste Privatdozentin an die Philosophische Fakultät I der Universität Zürich berufen wurde, war eine Groß- und Patentante von Elisabeth Noelle.

Ein anderer Urgroßvater soll gemäß der in dieser Hinsicht verschwiegen gehaltenen Familienüberlieferung der Noelles ein unehelicher Sohn von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen gewesen sein, den dieser als junger Kronprinz während eines Aufenthaltes in Ostpreußen mit einer bürgerlichen Frau gezeugt habe. Als sich Elisabeth Noelle-Neumann und Prinz Louis Ferdinand von Preußen, das damalige Oberhaupt der Familie Hohenzollern, während der Regierungszeit von Helmut Kohl einmal im Bundeskanzleramt in Bonn trafen, erzählte sie ihm von dem mutmaßlich gemeinsamen Vorfahren. Daraufhin soll er sie umarmt und gesagt haben: „Das ist ja wunderbar! Dann sind wir also miteinander verwandt!“4)Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen (S. 14-15). Herbig, München 2006. Nachdem Louis Ferdinand ihre Angaben in verschiedenen Archiven hatte überprüfen lassen,5)Das Treffen im Bundeskanzleramt und Archivrecherchen werden erwähnt in: Brief von Prinz Louis Ferdinand von Preußen an Elisabeth Noelle-Neumann, ...continue schenkte er Elisabeth Noelle-Neumann gewissermaßen zur Besiegelung der wiederentdeckten Verwandtschaft ein Service der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin aus dem Besitz der Familie Hohenzollern.6)Fotos eines Besuches von Elisabeth Noelle-Neumann bei Prinz Louis Ferdinand auf der Burg Hohenzollern sowie das KPM-Service finden sich im ...continue

Die hier skizzierte Verbindung zu Kaiser Wilhelm II. und den Hohenzollern lässt eine konservativ-kaisertreue Sozialisierung von Elisabeth Noelle-Neumann vermuten. Bei den einzelnen Angehörigen der beiden Familien Noelle und Schaper spiegelten sich die geschichtlichen Ereignisse und Veränderungen der damaligen Zeit allerdings in sehr unterschiedlicher Weise, was zu vielfältigen und teils auch widersprüchlichen biographischen Prägungen bei Elisabeth Noelle-Neumann führte.

Wolfgang Schaper porträtiert seine Nichte Elisabeth Noelle (Kölpinsee, 1928)

Wolfgang Schaper porträtiert seine Nichte Elisabeth Noelle (Kölpinsee, 1928)

Ihr Onkel Wolfgang Schaper zum Beispiel, von Beruf Maler und Bildhauer, setzte sich nach traumatischen Fronterfahrungen im Ersten Weltkrieg kritisch mit deutschen Kulturtraditionen auseinander. So erinnerte sich Elisabeth Noelle-Neumann, wie sie mit ihren Geschwistern auf einem Waldspaziergang einmal das Lied „Ich hatt’ einen Kameraden…“ angestimmt hätte, worauf Onkel Wolfgang sie angeherrscht habe, sie sollten sofort damit aufhören, das Lied sei verlogen, er könne es nicht mehr hören.7)Elisabeth Noelle-Neumann: Der große Garten in der Limonenstraße 8. Politik bestand aus Wahlplakaten und Fahnen – Aber Modernsein hatte einen ...continue

Wolfgang Schaper heiratete Elsbeth Bieber, genannt Yvonne, deren Familie jüdischer Herkunft war und die aus erster Ehe bereits drei Söhne mitbrachte – auch diese Heirat bedeutete einen bewussten Bruch mit konservativen Konventionen. Im Jahre 1928 wurde ihr Sohn Peter Wolfgang, genannt Wölf, in Berlin geboren. Zwei Jahre später verstarb Wolfgang Schaper im Alter von 35 Jahren an den Spätfolgen seiner Kriegsverletzung, die eine Beinamputation erforderlich gemacht hatte.

Yvonne Schaper wurde am 15. Februar 1944 verhaftet und in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, Wölf wurde einige Monate später im Zwangsarbeitslager Lenne interniert.8)Siehe dazu die Biographie von Dora Lux, einer Schwester von Yvonne Schaper: Hilde Schramm: Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux. 1882-1959. Nachforschungen ...continue Beide überlebten unter außergewöhnlichen Umständen: Wölf Schaper gelang es im Januar 1945 im Alter von 16 Jahren, aus einer Krankenstation zu entkommen und inkognito nach Berlin zu reisen, wo er dank der Unterstützung seiner Tante Dora Lux bis Kriegsende untertauchen konnte.9)Siehe dazu: Bericht von Peter Wolfgang Schaper (Kopie eines achtseitigen Typoskripts), Berlin-Friedenau, Januar 1945, Privatarchiv Elisabeth Noelle, ...continue Yvonne Schaper wurde einen Tag nach der Befreiung von Theresienstadt durch die Sowjetarmee von ihrem Sohn Eric Schwab im Lager gefunden – dort herrschte zu diesem Zeitpunkt Anarchie, da die Sowjetarmee es nach der Befreiung wieder verlassen hatte.10)Yvonne Schaper beschrieb ihre Befreiung in einem auf Französisch verfassten, abgebrochenen und nicht abgeschickten Brief an ihre Schwester Annemarie ...continue Schwab begleitete als Photograph der Agence France Presse11)Fotos von Eric Schwab und ein Bericht über seine Tätigkeit finden sich auf der Webseite von Agence France Presse: Yves Gacon: Eric Schwab: ...continue die US-Armee und war mit dem amerikanischen Journalisten Meyer Levin12)Siehe: Meyer Levin: In Search – An Autobiography (S. 223-275). Constellation Books, London 1951. in einem Jeep quer durch Europa gefahren, von einem Konzentrationslager zum nächsten, immer auf der Suche nach seiner Mutter.13)Die Reise von Meyer Levin und Eric Schwab wurde jüngst erneut beschrieben in: Annette Wieviorka: 1945 La Découverte. Editions du Seuil, Paris 2015.

Im Jahre 1946 wanderten Yvonne und Wölf Schaper in die USA aus – eine Emigration, mit der sich die beiden ganz bewusst von den Kulturtraditionen distanzierten, die in den Nationalsozialismus gemündet hatten.14)Hilde Schramm: Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux. 1882-1959. Nachforschungen (S. 200-202; 272-274). Rowohlt, Hamburg 2012. Kurz nach ihrer Ankunft in den USA betreute Yvonne Schaper in Princeton während etwa zwei Jahren die Schwester von Albert Einstein. Der Kontakt zu Einstein und seiner Familie war über den Mathematiker Hermann Weyl und seine Frau Hella zustandegekommen, die Yvonne Schaper Ende des Ersten Weltkrieges in Zürich kennengelernt hatte und mit denen sie seither befreundet war. Von Princeton aus schickte Yvonne Schaper amerikanische Literatur zur Meinungsforschung, die in Deutschland nicht erhältlich war, an Elisabeth Noelle-Neumann, die gerade das Institut für Demoskopie gegründet hatte.15)Brief von Yvonne Schaper an Elisabeth Noelle-Neumann, Princeton, 1. Juli 1947, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna. Zeitlebens unterhielten Yvonne und Wölf Schaper enge Beziehungen zu Elisabeth Noelle-Neumann und ihrer Familie.

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1. Familienchronik von Eva Noelle, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
2. Lebenslauf von Dr. iur. Ernst Noelle, undatiert, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
3. Siehe dazu: Hoffmann von Fallersleben: „Aus eines Ritters Haus…“ (Emil Rittershaus gewidmetes, handgeschriebenes und unterzeichnetes Gedicht), Bielefeld, 18. Juli 1869, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
4. Elisabeth Noelle-Neumann: Die Erinnerungen (S. 14-15). Herbig, München 2006.
5. Das Treffen im Bundeskanzleramt und Archivrecherchen werden erwähnt in: Brief von Prinz Louis Ferdinand von Preußen an Elisabeth Noelle-Neumann, Bremen, 27. April 1989, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
6. Fotos eines Besuches von Elisabeth Noelle-Neumann bei Prinz Louis Ferdinand auf der Burg Hohenzollern sowie das KPM-Service finden sich im Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
7. Elisabeth Noelle-Neumann: Der große Garten in der Limonenstraße 8. Politik bestand aus Wahlplakaten und Fahnen – Aber Modernsein hatte einen Zauberklang. In: Rudolf Pörtner (Hrsg.): Alltag in der Weimarer Republik. Erinnerungen an eine unruhige Zeit (S. 515-520). Econ, Düsseldorf/Wien/New York 1990.
8. Siehe dazu die Biographie von Dora Lux, einer Schwester von Yvonne Schaper: Hilde Schramm: Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux. 1882-1959. Nachforschungen (S. 201). Rowohlt, Hamburg 2012.
9. Siehe dazu: Bericht von Peter Wolfgang Schaper (Kopie eines achtseitigen Typoskripts), Berlin-Friedenau, Januar 1945, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
10. Yvonne Schaper beschrieb ihre Befreiung in einem auf Französisch verfassten, abgebrochenen und nicht abgeschickten Brief an ihre Schwester Annemarie „Mieze“ Bieber in den USA: Brief von Yvonne Schaper an Mieze Bieber (Kopie), Wiesbaden, 11. Mai 1945, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.
11. Fotos von Eric Schwab und ein Bericht über seine Tätigkeit finden sich auf der Webseite von Agence France Presse: Yves Gacon: Eric Schwab: Photographing the unspeakable. AFP, Paris 2015.
12. Siehe: Meyer Levin: In Search – An Autobiography (S. 223-275). Constellation Books, London 1951.
13. Die Reise von Meyer Levin und Eric Schwab wurde jüngst erneut beschrieben in: Annette Wieviorka: 1945 La Découverte. Editions du Seuil, Paris 2015.
14. Hilde Schramm: Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux. 1882-1959. Nachforschungen (S. 200-202; 272-274). Rowohlt, Hamburg 2012.
15. Brief von Yvonne Schaper an Elisabeth Noelle-Neumann, Princeton, 1. Juli 1947, Privatarchiv Elisabeth Noelle, Piazzogna.